Manchmal
schreibe nicht ich, sondern andere schreiben über
mich. Hier ein paar Artikel und Interviews aus den letzten Jahren
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Das Gedächtnis des Fußballs
Hardy Grüne, Datensammler und Geschichtenerzähler,
entdeckt Neues in der Vergangenheit
Die große weite Fußballwelt ist zu Hause in einer
hundert Quadratmeter großen Wohnung. Im Treppenaufgang
hängen Plakate vom SC Göttingen 05, einem ehemaligen
Zweitligaklub, der mittlerweile unter neuem Namen in der Bezirksliga
kickt. In der ersten Etage sind über der
Küchenspüle 150 Tassen mit Vereinsemblemen in Regalen
aufgereiht, nebenan im Archivzimmer stehen und liegen Abertausende
Ausgaben von Fußball-Fachmagazinen: der "Kicker"
natürlich, "France Football", "World Soccer" und was es sonst
noch so gibt auf dieser Welt.
Ganz oben, im ausgebauten Dachgeschoss,
sind die Holzregale kaum weniger überfüllt:
Fußballbücher, Reiseratgeber, Nachschlagewerke,
Fanmagazine. An den anderen Wänden, allesamt
Schrägen, hängen Eintrittskarten zu
Fußballspielen, ebenso hinter Glas gerahmt wie einige
Trikots. Mittendrin steht ein Schreibtisch mit zwei Computern, davor
sitzt Hardy Grüne und erzählt vom Fußball
in Bonn und in der Bretagne, in Göttingen und Guam, in Ulm und
Usbekistan.
"Ich bin immer neugierig gewesen auf Fußball",
sagt Grüne. "Ich versuche, über den Tellerrand zu
blicken und in die Tiefe zu gehen. Darin besteht mein Ruf."
Und darin
besteht sein Beruf: Hardy Grüne lebt nicht nur mit dem
Fußball, sondern auch von ihm. Er schreibt so viele
Fußballbücher wie kein Zweiter in Deutschland.
Seit 1992, als er sein Erstlingswerk "Die deutschen Vereine" im
Agon-Verlag veröffentlichte, sind es knapp sechzig
Bücher, die der gebürtige Westfale verfasst oder an
denen er mitgearbeitet hat. Alleine im vergangenen WM-Jahr kamen drei
Bücher von ihm auf den Markt; andere Angebote musste er
ablehnen.
Hardy Grüne schreibe "Oden in Zahlen und Fakten",
wirbt sein Verlag. Der Autor selbst gibt sich etwas prosaischer: "Ich
versuche, tatsächliche Ereignisse so aufzuarbeiten, dass sie
Bilder ergeben, die der Leser erfassen kann." Für das
Finanzamt ist Grüne ein Journalist, für seine Leser
ist er ein Vielschreiber, für alle eine Autorität.
Er
habe wohl etwas "Meinungsbildendes", sagt der
Vierundvierzigjährige. Nur der Postbote, der Tag für
Tag Fachbücher und Fachzeitschriften vorbeibringt, meint
manchmal etwas mehr zu wissen über den Fußball.
Grüne lebt im Grünen, in einem Dorf mit 280
Einwohnern am Südostzipfel Niedersachsens. Sein Haus liegt auf
einer Anhöhe, es ist das letzte, dahinter kommt noch der
Fußballplatz und dann Thüringen. Den
früheren Gewerkschaftsaktivisten interessiert die
Fußballwelt im Kleinen: ein Verein wie die SG Hoechst, der
ohne die heimischen Farbwerke undenkbar wäre. Oder die
Geschichte des SV Algermissen 1911, eines niedersächsischen
Fußballklubs, der von zwei Familien gegründet wurde
und in dem zunächst nur die männliche Verwandtschaft
kickte. "Elstern" nannten sich die Algermissener noch, als sie 1932 in
der Endrunde zur Norddeutschen Meisterschaft unglücklich am
Hamburger SV scheiterten. Das alles referiert Grüne, das
Gedächtnis des Fußballs, aus dem Kopf.
Die
Vergangenheit liege ihm am Herzen, sagt er, "denn nur wenn wir die
Geschichte kennen, wissen wir, woher wir kommen".
Hardy Grüne selbst kommt aus dem Herzen des deutschen
Fußballs, aus dem Ruhrgebiet. Mit zwölf Jahren hat
es ihn mit dem Vater von Dortmund nach Göttingen verschlagen.
Er sammelte Anstecknadeln (er besitzt etwa 4000) und wollte bald mehr
über die Vereine wissen als deren Wappen. Er wühlte
nach Daten in Archiven, jagte nach Fakten in Chroniken, kopierte
Vereinsaufstellungen und bot sie vor zwanzig Jahren per Kleinanzeige im
"Kicker" an. Bald verdiente er mit deren Verkauf mehr als jene 700
Mark, die er als Student der Geographie und Politik an Bafög
erhielt. "Gewollt war das nie", sagt Grüne, der vom Fan zum
Wortführer wurde. Sein Studium hängte er an den
Nagel.
Zurzeit arbeitet Grüne an seinem Opus magnum, einer
"Welt-Enzyklopädie des Fußballs". Seit zehn Jahren
hat er sie geplant, im Herbst soll sie erscheinen. Soeben hat er die
zwei Seiten über Fußball auf Guam fertiggestellt.
Weil er noch ein paar Fakten prüfen will, schreibt er einen
Journalisten von der westpazifischen Insel an. Gegenüber
früher, als er viele Briefe schrieb und Ferngespräche
führte, habe das Internet seine Arbeit erleichtert. Das
Angebot an Weblogs und Online-Lexika versteht er nicht als Konkurrenz
zu seinen Kompendien. Das Problem sei: "Die Leute gewöhnen
sich daran, Informationen kostenlos zu bekommen."
Die Bücher, die Grüne schreibt und seine
Lebensgefährtin layoutet, haben ihren Preis. Aber
dafür gibt es Informationen satt. Zum Beispiel, dass es in
Indonesien keine Vereine gibt, sondern nur Regionalauswahlen. Oder dass
sich der Fußball in West-Papua stark entwickelt, nachdem das
Land politisch lange von Indonesien unterdrückt wurde. Immer
wieder fragt sich Grüne, inwieweit er die Politik
berücksichtigen kann, "ohne den
fußballinteressierten Leser zu nerven. Aber man kann den
Fußball nie isoliert sehen, ob in Algermissen oder
Afghanistan."
Jeden Tag bekommt der Heimarbeiter "neue Reiselust", aber meistens
zieht es ihn nur zu seinen Lieblingsklubs: zu En Avant Guingamp in der
Bretagne, zu den Bristol Rovers nach England. Besucht er deutsche
Stadien, wird er von Lesern an seinem Fanschal in den
Göttinger Vereinsfarben erkannt: Schwarz-Gelb - das muss der
Grüne sein!
Die Bundesliga verfolgt er mit Interesse, aber
ohne Leidenschaft. "Trainerwechsel, Spielertransfers - das geht mir
alles zu schnell", sagt Grüne. Dann deutet er auf ein Foto,
das am Holzregal hängt. Zu sehen sind: Hardy Grüne,
der Weltbeobachter aus der Provinz, und Didier Drogba, der Weltstar von
der Elfenbeinküste. In Grünes Wohnung kommen sich
große und kleine Fußballwelt so nah wie sonst
nirgends.
THOMAS KLEM
Reviersport
Kick it global
Der Fußball-Historiker & Globetrotter Hardy
Grüne im Gespräch
Wenn man Hardy Grüne besuchen will, sollte man entweder gutes
Kartenwerk oder ein Navigationssystem an Bord haben. Irgendwo in der
Nähe der niedersächsischen Universitätsstadt
Göttingen, am Ende aller Autobahnen, fast schon
Sachsen-Anhalt. Rasende Bauernsöhne mit tiefer gelegten
VW-Polos machen die Landstraßen unsicher.
Hardy
Grüne, der eine Vielzahl von Standardwerken zur
Fußballgeschichte vorgelegt hat und dem die FAZ den
Ehrentitel „das Gedächtnis des
Fußballs“ verlieh, hat jetzt die
Fußball-Welt erforscht. Der erste Band seiner
„Weltfußball Enzyklopädie“ ist
gerade erschienen.
Ralf Piorr sprach mit ihm über
„die große runde Welt“.
Der
Schriftsteller Ror Wolf schrieb einmal: „Die Welt ist zwar
kein Fußball, aber im Fußball findet sich eine
ganze Menge Welt“. Jetzt haben Sie als Autor den ersten Band
einer „Weltfußball Enzyklopädie“
vorgelegt. Wie viel Welt haben Sie im Fußball gefunden?
"Es
gab immer Überlappungen zwischen beidem: Ich habe
überall Welt entdeckt und ich habe überall
Fußball entdeckt. Ich habe Regionen erforscht, in denen der
Fußball historisch keine Rolle spielt, aber dennoch
gegenwärtig präsent ist. Wir müssen uns von
dem starren Gedanken an „die eine Welt“ in Teilen
unserer Wahrnehmung verabschieden. Die Globalisierung hat viele
Gesichter und es gibt viele kleine soziale und auch
fußballerische Welten, die ihr Eigenleben pflegen –
relativ unabhängig von den globalen Entwicklungen."
Können Sie ein Beispiel nennen?
"Nehmen wir die Mongolei. Ich habe mich mit einem Mongolen
über
die Bedeutung des Fußballs in seinem Land unterhalten, und
wir haben dort Verschiebungen festgestellt. Früher spielte der
Fußball definitiv keine Rolle, aber seit einigen Jahren
entwickeln sich unter den schwierigen geografischen Bedingungen ganz
konkrete Anfänge. Und ein Anfang ist ein Anfang. Nun ist die
Mongolei ein „exotisches“ Land, wo wahrscheinlich
alles anders ist. Gut, aber auch in Europa gibt es diese Unterschiede.
Vergleichen wir Skandinavien und Südeuropa. Schweden hat einen
fast sozialdemokratischen Fußball hervorgebracht. Dort hat
der Sport traditionell eine starke soziale Komponente, denn
über ihn sollte die Kultur und die Gesellschaft
gefördert und den Menschen eine Freizeitmöglichkeit
geboten werden. Dieser Gedanke hat nicht nur den Breitensport, sondern
auch den Spitzensport beeinflusst. Dagegen hat der Fußball in
Italien und Spanien eine starke politische Komponente. In Italien wurde
der „Calcio“ durch Mussolini und den italienischen
Faschismus instrumentalisiert. Die WM 1934 geriet zur
Propagandaveranstaltung des „Duce“, und
gleichzeitig versuchte er innenpolitisch durch die
fußballerische Stärkung des Südens, das
klassische Nord-Süd-Gefälle im eigenen Land
abzufedern. In Spanien gibt es die Verflechtungen mit den regionalen
Identitäten, Katalonien, das Baskenland, Madrid als ungeliebte
zentralistische Hauptstadt, und die vorhandenen Nachwehen des
Bürgerkrieges der 1930er Jahre. Ohne Kenntnis dieser Dinge
kann man den spanischen Fußball in seiner Bedeutung nicht
erfassen, auch wenn heute etliches eher zur
„Folklore“ geworden ist."
„Fußball“ ist also ein gemeinsamer und
globaler Nenner, der in fast jedem Land ganz anders ausgeprägt
ist. Spielt Fußball nicht immer auch in eine Art
Nationalismus hinein?
"In unterschiedlichen Ausprägungen. Das „Wunder von
Bern“ 1954 war für das deutsche
Wirtschaftswunderland eine wichtige nationale Erfahrung und eine
Stärkung des Selbstwertgefühls. In Lettland spielte
die erfolgreiche EM-Teilnahme 2004 eine erhebliche Rolle bei der
Stärkung der eigenen nationalen Identität des jungen
Staates. Oder der Irak. Dort kann man zumindest die Hoffnung haben,
dass sich der Gewinn der Asienmeisterschaft 2007 positiv auf die
Gesellschaft auswirkt. Immerhin spielten und feierten für
einen kurzen Moment alle Bevölkerungsgruppen zusammen,
Schiiten, Sunniten und Kurden. Ob es langfristig einen Push-Effekt
gegeben hat, gehört zu den spannenden Entwicklungen der
Gegenwart. 2007 gab es mit dem Arbil FC erstmals einen Meister aus dem
kurdischen Norden. Unter Saddam Hussein wäre dies
unmöglich gewesen."
Bei den Länderportraits der
Enzyklopädie fällt auf, dass die Entwicklung des
Fußballs auch immer etwas mit der Politik zu tun hatte. Also:
„Sport ohne Politik“, von dieser Illusion muss man
sich verabschieden, oder?
"Ganz eindeutig. Fußballgeschichte ist Alltagsgeschichte und
in ihr ist die Politik in vielfältigen Formen
gegenwärtig. Dazu wurde und wird der Fußball auch
gezielt als politisches Mittel genutzt. Außerdem gibt es die
etwas undurchsichtigere Form, wenn Politiker Fußballvereine
führen und als Instrument des eigenen Ehrgeizes nutzen, siehe
Berlusconi und der AC Milan."
Rudi Völler prägte nach
einer 0:0-Schlappe in Island den Leitspruch: „Es gibt keine
Exoten mehr!“ Haben Sie noch welche entdeckt?
"Das Zitat
entstammt eher Völlers Bestreben, die Leistung der eigenen
Nationalmannschaft besser darzustellen, als sie wohl auf dem Platz
gewesen ist. Die Färöer-Inseln zum Beispiel waren,
sind und werden immer Exoten bleiben. Das Land ist zu klein und die
Anzahl der Fußballer zu gering, um wirklich eine gute
„Elf“ aufbieten zu können. Das Klima ist
zu rau, um ball-verliebte Maradonas hervorzubringen. Mit dem
Auseinanderbrechen der UDSSR und Jugoslawiens setzte Anfang der 1990er
eine Schwemme von kleinen Staaten ein, die ihren Platz in der FIFA
beanspruchten. In diesem Zuge meldeten auch Andorra und San Marino eine
Nationalmannschaft an. Von den Rahmenbedingungen her können
diese Teams aber gar nicht „groß“ werden
und werden immer Underdogs bleiben. Bei anderen Ländern wie
Zypern oder das Fürstentum Liechtenstein spielen Komponenten
wie systematische Nachwuchsförderung, ein professionelles
Umfeld, Finanziers oder das Vorhandensein einer „goldenen
Generation“ eine Rolle. Luxemburg erreichte so 1964 immerhin
das Viertelfinale bei den Europameisterschaften und dann ging es bis
zum heutigen Tiefpunkt jahrzehntelang bergab. Jedes Land muss also
„für sich“ begriffen werden. Neben Europa
widmen Sie sich dem asiatischen Kontinent. Vereine wie Real Madrid oder
Bayern München versuchen bereits, diesen Markt für
ihre Merchandisingindustrie zu erobern."
Wie wichtig wird Asien
für den internationalen Fußball?
"Meines Erachtens
liegt die Zukunft des globalen Fußballs in Asien, sicherlich
eher als in Afrika, wo viele Länder nach wie vor
ökonomisch von Weltprozessen abgekoppelt sind. Dagegen werden
sich China, Südkorea und Japan auch fußballerisch
stabilisieren und weiter entwickeln und der große
„schlafende Riese“ des Kontinents, nämlich
Indien, ist noch gar nicht erwacht. Allein die Masse der Menschen
lässt erahnen, wie viel Potential noch vorhanden ist - in alle
Richtungen: als fußballerische Talente, als Zuschauer, als
Aktive im Breitensport oder als Konsumenten von Fan-Artikeln. Die
kommenden Weltmeisterschaften werden diese Prognosen
bestätigen, auch wenn es kein Prozess eines Jahrzehnts sein
wird."
Indien?
"Ja, abgesehen von einigen Zentren rund um Kalkutta und Goa ist die
Bedeutung des Fußballs dort sehr gering und steht noch tief
im Schatten von Cricket, dem dortigen Volkssport- Aber gerade die
indische Industrie entdeckt, dass Fußball die Weltsportart
Nummer Eins ist und sucht darüber auch den internationalen
Anschluss."
Wie haben Sie sich überhaupt zum Experten des
asiatischen Fußballs gemacht?
"Das Projekt der Enzyklopädie ist ein Langzeitprojekt gewesen,
für das ich seit vielen Jahren Materialien gesammelt habe. In
Form von Zeitungsartikeln, Reiseberichten oder Gesprächen. So
habe ich versucht, mir von jedem Land ein Bild zu verschaffen. Es war
schwierig zu verstehen, dass zum Beispiel in Indonesien die
Regionalauswahlen viel wichtiger sind als die Vereine. Ich habe immer
wieder dazugelernt und musste oft auch meine gewohnten Sichtweisen
korrigieren – dazu habe ich eine Menge Länder
entdeckt, die ich gerne besuchen möchte."
Sind Sie also so
etwas wie der Karl May der Fußballweltgeschichte?
(Lacht.) "Na
ja, beim Schreiben habe ich jedenfalls immer einen Reiseführer
dabei, Marke „Lonely Planet“, um tiefer in das Land
eintauchen zu können. Die Fiktion hat also gegenüber
den Fakten keineswegs gesiegt. Außerdem habe ich schon viele
Länder besucht. Jetzt plane ich gerade einen längeren
Afrika-Aufenthalt zum Afrika-Cup im Januar 2008. Diese Erfahrungen
werden sicherlich im zweiten Band der Enzyklopädie
einfließen, wenn es um Afrika, Ozeanien und Amerika geht."
War
es nicht schwierig, die verschiedenen Mentalitäten zu
begreifen, die sich ja auch im kulturellen Verhältnis zum
Fußball widerspiegeln?
"Das war das schwierigste, denn Fakten
zusammenzustellen, ist an sich relativ einfach. Ich habe mir immer
Experten gesucht, die mir beim kulturellen Verständnis der
Region und des Landes weiterhelfen konnten. Durch die
Gespräche mit einem vietnamesischen Bekannten, der lange Zeit
in China gelebt hatte, bekam ich tiefere Einblicke in diese Region.
Überhaupt zu verstehen, dass die Bedeutung der Vereine in
Asien eine viel geringere ist als in Europa. Die Liebe,
Anhänglichkeit, Nähe und Vereinstreue, die man aus
Europa gewohnt ist, gibt es in diesen Ausprägungen in der
asiatischen Fankultur nicht. Ein Manchester-United-Fan war
womöglich traurig, als David Beckham zu Real Madrid wechselte,
aber er blieb seinen „Reds“ treu. In Japan dagegen
wechseln die Beckham-Jünger mit ihrem Star die Vereine. Das
Fandasein ist dort eben deutlich mehr personalisiert als in Europa.
Steht die Begeisterung für die europäischen Stars
nicht mitunter im Widerspruch zum Aufbau einer eigenen Liga? Die
„J-League“ hat dieses Problem elegant
gelöst. Angefangen hat man mit Importen von Altstars wie Gary
Lineker, Pierre Littbarski und Zico, um die Begeisterung zu
schüren. Aber man hat auch frühzeitig gemerkt, dass
man eigene Talente aufbauen muss, um das Interesse zu stabilisieren.
Das ist mit Fußballern wie Hidetoshi Nakata und Shinji Ono
gelungen, die auch etwas Glamouröses verkörpern, was
man in einem emotionalen Land wie Japan – mehr als in
Südkorea – unbedingt braucht. Japan hat eine
Fußball-Kultur entwickelt, die sich aus Bestandteilen der
internationalen Fanszene zusammensetzt: Die Gesänge wurden aus
England übernommen, die bengalischen Feuer von den
italienischen „Ultras“ importiert und gleichzeitig
gibt es mit Trommeln und Tanz auf der Tribüne brasilianische
Elemente. Die „J-League“ und ihre Vereine haben
sich durchgesetzt, während in Südkorea nur die
Nationalmannschaft interessiert und die „K-League“
vor sich hin dümpelt. Regelmäßig gewinnen
südkoreanische Vereine die asiatische Champions League, nur
interessiert es dort niemanden."
Wenn man auf Reisen geht, sucht man oft
etwas. Sind Sie mit Ihrer Enzyklopädie auch auf der Suche nach
dem wahren und authentischen Fußball?
"Das ist sicherlich ein
Bestandteil meines Herzens, und manchmal entdecke ich mich auch bei der
Redewendung: „Früher war alles besser.“
Aber Fußballgeschichte ist in Bewegung und entwickelt sich.
Diesen romantischen Verklärungsprozess möchte ich
nicht mitmachen. Ich kam in den 1970er Jahren zum Fußball,
als man sich noch in erster Linie mit den heimischen Klubs
identifizierte. Trotzdem bin ich als Historiker dazu verpflichtet, mich
nicht von nostalgischen Anwandlungen treiben zu lassen, denn auch die
jetzigen Generation wird in zwanzig Jahren gegenüber den
jüngeren sagen: „Damals war echt alles
besser!“ Was aber für mich bei dieser Reise
über die Kontinente deutlich geworden ist, sind zwei Dinge:
Erstens unterscheidet sich Fußball in fast jedem Land und
diese Differenzen machen die globale Betrachtung erst so spannend. Und
Zweitens: Aus dem Mosaik lässt sich wiederum die
unwiderrufliche Tatsache folgern, dass Fußball eben der
Weltsport ist!"
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