WM-Enzyklopädie 1930 bis 2014
Als Auszug aus der WM-Enzyklopädie zwei "Exkurse", die sich
mit der FIFA-nahen ISL beschäftigen.
WM 1990: Die Geldmaschine
Im April 1987 trug die FIFA Trauer und sah mit bangem Blick in die
Zukunft. adidas-Chef Horst Dassler, jene Person, die laut
»FIFA-News« “die Gegenwart des Sports und
die Kommerzialisierung und Professionalisierung des Sports
maßgeblich geprägt hat”, war im Alter von
nur 51 Jahren an Augenkrebs verstorben und hatte ein Machtvakuum
hinterlassen, das die FIFA in Turbulenzen zu stürzen drohte.
Zur Vorgeschichte: Der vom Herzogenauracher Stammhaus mit dem Aufbau
einer adidas-Dependance in Frankreich beauftragte Dassler hatte seit
Mitte der siebziger Jahre ein ebenso erfolg- wie einflussreiches
Imperium aufgebaut, das nur noch vordergründig mit
Sportbekleidung und -geräten handelte. Wichtiger waren die
Vermarktung weltweiter Sportveranstaltungen wie Olympischer Spiele und
Fußball-WMs sowie der Rechtehandel. Dassler und die FIFA
hatten 1974 zueinander gefunden.
Eigentlich hatte Dassler seinerzeit
Havelanges Kontrahenten Rous bei der Wahl zum FIFA-Präsidenten
unterstützen wollen, war jedoch von dem Brasilianer mit der
Aussicht auf lukrative weltweite Vermarktungsmöglichkeiten
umgestimmt worden. Havelange und Dassler bildeten rasch ein kongeniales
Duo, das sich perfekt ergänzte: Der stolze, zur
Selbstinszenierung neigende Havelange, und der bescheiden, aber
bestimmt auftretende, stets etwas im Hintergrund wirkende Dassler.
Letzterer erkannte rasch, was für ein schlummerndes
Marketingpotenzial die FIFA (und das IOC) aufwiesen und sah lange vor
allen anderen, dass sie ihre guten Positionen in Zeiten des
schwindenden Amateurismus und der wachsenden Professionalisierung bzw.
Kommerzialisierung sogar noch weiter würden ausbauen
können. Das passte perfekt zu João Havelanges
Vorstellungen, denn der Brasilianer brauchte dringend Geld, um seine
Wahlversprechen erfüllen zu können. Er war also
durchaus bereit, den Fußball zu
“verkaufen”. Dassler griff sofort zu und erwies
sich anschließend als geschickter Fädenzieher im
Hintergrund, der nach und nach alle wichtigen Positionen in der FIFA
(und dem IOC) mit ihm “genehmen” Personen besetzte.
Eine seiner “Entdeckungen” war Sepp Blatter, den er
der Swiss-Timing-Longines abwarb und nach einem kurzen
Einführungsseminar in der adidas-France-Zentrale im
elsässischen Landersheim auf den Sessel des
FIFA-Generalsekretärs bugsierte.
Die entscheidenden Strukturen
wurden zwischen 1974 und 1978 geschaffen, wobei als Dritter im Bunde
der britische Sportrechte-händler Patrick Nally auf den Plan
trat - er hatte das nötige Geld, und er hatte vor allem
Kontakte. Durch Nallys Vermittlung kam beispielsweise die lukrative
Verbindung zu Coca Cola zustande.
1982 schließlich kam es zur Gründung der
Marketingfirma ISL (“International Sports, Culture- und
Leisure Marketing AG), die im schweizerischen Luzern ansässig
war und sich die Vermarktung von Großereignissen an die
Fahnen geheftet hatte. ISL-“Mutter” war
übrigens die Rofa-Sport Management AG - jene Firma,
über die der langjährige
FIFA-Generalsekretär Käser gestolpert war, ehe er von
Sepp Blatter abgelöst wurde... ISL gehörte zu 51%
adidas und zu 49% der Werbeagentur Dentsu, adidas’
japanischem Partner... Erster ISL-Coup war - wenig
überraschend - die Vermarktung der WM 1982, ehe 1983 erstmals
ein Vertragsabschluss mit dem IOC über die Vermarktung der
Olympischen Spiele gelang.
Das ISL-Angebot in Form von umfangreichen
Marketing-Exklusivpaketen (ausschließlich für sehr
solvente Firmen) kam bei den potenziellen Sponsoren ausgezeichnet an
und verschaffte Dassler bemerkenswerten Einfluss und
Machtfülle, die er vor allem durch persönliche
Kontakte pflegte - nach Ansicht von Kritikern enthielt die ISL-Datei
auch sehr persönliche Vorlieben seiner Vertragspartner... Mit
Aufkommen der privaten TV-Sender erhielt die ISL-Strategie eine
unerwartete Eigendynamik. Während die Sportartikelfirma adidas
(also die Herzogenauracher) immer tiefer in die Krise rutschte - das
Wirtschaftsmagazin »Forbes« mutmaßte im
Juni 1990, das Unternehmen habe im Jahr 1989 zwei Mio. DM Verlust
gemacht -, war die ISL - nach Dasslers Tod vom Schweizer
René Jäggi geführt - kaum noch zu bremsen
und hängte 1990 erstmals sogar die FIFA ab. “Der
Chef der Sportartikelfirma adidas weiß nur zu gut, dass sein
Unternehmen eine Weltmeisterschaft schon gewonnen hat - die WM im
Kassieren. Über einen Umweg mit dem Kürzel
ISL”, teilte der »kicker« seinen Lesern
unter der Überschrift “Milliarden-Reibach”
im Juni 1990 mit. Auf rund 300 Mio. sFr schätzte derweil
»Forbes« die ISL-Einnahmen allein im Zusammenhang
mit der WM 1990 - damit habe, so das Blatt, “die ISL besser
verdient als die FIFA”. Aus Zürich kamen moderate
Töne - man sei “zufrieden”, hieß
es, weil man alles in “besten Händen”
wisse. Hintergrund war, dass die ISL der FIFA 1982 aus einer eklatanten
Finanzklemme geholfen hatte und im Gegenzug die Marketingrechte bis
1998 für einen Spottpreis von ganzen 340 Mio. sFr erhalten
hatte. Drei Jahre nach Dasslers Tod holte Havelange nun die
Vergangenheit ein. Fortsetzung folgt ... auf Seite 494.
und hier ist die Seite 494:
WM 2002: Pleite einer Geldmaschine
Eines der größten Probleme der FIFA zur
Jahrtausendwende und auch Mitverursacher für die tumultartige
Präsidentenwahl unmittelbar vor dem WM-Turnier trug drei
Buchstaben: ISL. Rund ein Jahr vor dem WM-Start meldete der anno 1982
von Horst Dassler bzw. adidas ins Leben gerufene und seinerzeit recht
günstig in den Besitz der Marketingrechte für die
WM-Turniere 1982-94 gekommene (siehe WM-Thema Seite 373)
Rechtevermarkter International Sport, Culture and Leisure AG Konkurs an
und stürzte damit zugleich den Weltverband ins Chaos. Bei
“Ausflügen” in andere Sportarten war ISL
kräftig auf die Nase gefallen und hinterließ ein
brisantes Problem, da sich die FIFA nicht nur blitzschnell selbst um
Sponsorenverträge etc. kümmern musste, sondern
zugleich diverse Vorgänge aus der Vergangenheit zu
erläutern hatte. Ein Blick zurück: Lange Zeit war die
Liaison ISL/FIFA eine Traumstory. Horst Dassler und João
Havelange verstanden sich prima und andere Vermarkter klopften
vergeblich an der FIFA-Tür an: Geschlossene Gesellschaft. Auch
als ISL-Gründer Dassler 1987 starb, blieb die Verbindung
intakt und die FIFA bestätigte, ISL verfüge
über sämtliche Marketingrechte bis
einschließlich zur WM 1998, für 2002 gäbe
es eine Option.
ISL-Stammfirma adidas befand sich seinerzeit jedoch in
einer prekären Situation. Man hatte das Aufkommen moderner und
progressiv vorgehender Konkurrenten wie Nike, Reebok oder Umbro
verschlafen und schrieb plötzlich rote Zahlen. Grund genug
für die vier Dassler-Schwestern, sich bis Ende 1990 von rund
80% des adidas-Impiriums zu trennen. Ableger ISL (adidas hielt 51%, der
Rest lag beim japanischen Partner Dentsu), der den eher am reinen
Geschäft interessierten und auf
“diplomatischem” bzw.
“lobbyistischem” Parkett reichlich unbedarften
Dassler-Schwestern ohnehin etwas suspekt war, wurde ausgegliedert,
wobei einer der Dassler’schen Ehemänner die Leitung
der entsprechenden Holdinggesellschaft erhielt: Jean-Marie Weber, ein
enger Vertrauter des verstorbenen Dassler.
Derweil adidas anschließend durch diverse Hände ging
- unter anderem die des Politikers und Olympique-Marseille-Chefs
Bernard Tapie - geriet ISL in turbulentes Fahrwasser, denn schon kurz
darauf verließen mit Direktor Klaus Hempel und
Jürgen Lenz zwei Schlüsselfiguren das Schiff und
zogen einen eigenen Vermarkter auf: TEAM. Damit begann eine unangenehme
Zeit für ISL und FIFA. TEAM präsentierte der UEFA ein
fundiertes Konzept für einen reformierten Landesmeisterpokal
und legte damit den Grundstein für die Champions League, deren
erfolgreiche Vermarktung man sogleich selbst übernahm. Nachdem
UEFA-Boss Johansson dadurch mit eigenen Augen sehen konnte, welche
Einnahmen mittels eines derartigen Großereignis
möglich waren, wurde er neugierig und begann, die
FIFA-Kontrakte mit ISL zu untersuchen. Rasch wurde deutlich, dass sich
die FIFA von ISL, wie schon seit langem kolportiert, in der Tat
ziemlich über den Tisch hatte ziehen lassen. Oder aber
bereitwillig über den Tisch gekrabbelt war, wie Kritiker
vermuteten...
Für nur 340 Mio. Schweizer Franken waren die
Marketingrechte für die WM-Turniere 1990, 1994 und 1998 an
ISL gegangen - eine Summe, die die UEFA mit der Champions League in nur
einer Saison aufbrachte und die die Nachrichtenagentur
»dpa« als “größte
Fehlkalkulation der Sportgeschichte” bezeichnete. Die Skepsis
auf Seiten der europäischen Gegner der
Führungspolitik des damaligen FIFA-Präsidenten
Havelange wuchs - und weil sein Generalsekretär Sepp Blatter
die Verträge mit unterzeichnet hatte, geriet auch er in der
Kritik. Dessen ungeachtet blieb die FIFA unter Havelanges
Führung der ISL aber treu ergeben und schanzte ihr auch
weiterhin unter bisweilen recht fragwürdigen
Umständen die Rechte zu - u.a. für die WM-Turniere
2002 und 2006. Erst als Havelange 1998 seinem drohenden Sturz durch
freiwlligen Rückzug zuvorkam, sank der ISL-Stern
allmählich, und die FIFA öffnete sich für
andere Vermarkter.
Darunter war auch der deutsche Medienmogul Leo
Kirch, der in diversen “Verkleidungen” (u.a. in
Form der von ehemaligen ISL-Mitarbeitern gegründeten Agentur
“Prisma”) auftrat und im Bereich der TV-Rechte
für 2002 bereits gemeinsam mit ISL in einem Boot
saß. Der ISL drohte mit der FIFA ein elementarer
Geschäftspartner wegzubrechen und man wandte sich anderen
Sportarten zu, ließ es dabei allerdings sowohl an
inhaltlicher Kompetenz als auch an finanziellem Background mangeln. Ein
hoch dotierter Zehn-Jahres-Vertrag über die
ATP-Tennis-Turnier-Serie leitete schließlich das Aus durch
Finanztod ein.
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