Das letzte Abenteuer
Fußball in Wales (11 Freunde)
Der Raum ist kaum acht Quadratmeter groß. An den
Wänden türmen sich Bücher, am Kopfende
kämpft ein schmaler Schreibtisch gegen seinen Untergang im
Papierberg. Das Faxgerät spuckt unentwegt Informationen aus,
das Telefon klingelt mit unablässiger Penetranz.
Es ist
Samstag Nachmittag. Ein gewöhnlicher Spieltag der
„Welsh Premier“, der höchsten
Fußballspielklasse in Wales. Und ein gewöhnlicher
Samstag für Mel ap Ior Thomas, der Schaltstelle des wohl
letzten Abenteuers im mitteleuropäischen
Erstligafußball.
In seinem kleinen Büro hoch
über der alten Schieferstadt Blaenau Ffestiniog laufen
Wochenende für Wochenende sämtliche
Fußballdrähte des Landes zusammen. Thomas sammelt
Torschützen und Aufstellungen, verzeichnet die
Zuschauerzahlen, pflegt die ligaeigene Datenbank und beliefert die
Presse mit einem wöchentlichen Newsletter.
Sein bescheidenes Büro, versteckt im Anbau des über
200 Jahre alten gemütlichen Privathauses, spiegelt die
Entwicklung, die Wales höchste Spielklasse rund 14 Jahre nach
ihrer Gründung aufweist, allerdings nur unzureichend wieder.
Was 1992 unter dem Namen „Konica League“ begann und
seinerzeit abfällig „Komical League“
getauft wurde, hat sich inzwischen zu einem erfolgreichen
Kleinunternehmen gemausert.
2005 erfuhr Wales seine bislang
erfolgreichste Saison im Europapokal und brachte mit Rhyl und
Carmarthen gleich zwei Klubs in die zweite Runde des UEFA-Cups.
Zugleich ist Wales jedoch eines der letzten
„Entwicklungsländer“ im
europäischen Spitzenfußball und die Rettung
für alle reiselustigen Fußballfans, denen der Kitzel
in Moldawien oder Weißrussland zu nahe an Furcht angesiedelt
ist.
Wales ist ein Land, in dem die Zeit bisweilen stehen geblieben
scheint und dennoch der Komfort der westlichen Welt genossen werden
kann. Im Fußball bietet es neben abenteuerlichen Vereinsnamen
wie Grange Harlequins, Caerws FC, oder Cefn Druids eine
Erinnerungsreise in gute alte Tage: Gemütliche Grounds mit
reichlich Platz zum Stehen, echtes Bier, gute Burger und
Fußball zum Anfassen.
Das gilt selbst für die sportliche Nummer eins des Landes, den
FC TNS Llansantffraid – ein Team aus einer 950 Seelen starken
Gemeinde zwischen Welshpool und Oswestry unweit der Grenze zu England.
Wo sonst Wanderer und Naturverbundene ihr Paradies finden, hat auch
Millionär Mike Hallis sein Domizil aufgeschlagen und das
Computernetzwerk „Total Netware Solution“ -
„TNS“ - aufgebaut. Hallis ist bekennender
Fußballfan, dessen Liebe zu Llansantffraid keineswegs
Nostalgie ist. Er sieht in dem Klub „the easy way into
Europa“. Wales’ Landesmeister darf nämlich
an der Qualifikation zur Champions League teilnehmen – eine
Chance, die sich auf der britischen Insel normalerweise nur
Größen wie Chelsea, Arsenal oder Celtic bietet. Im
Sommer 2005 machte Harris Schlagzeilen, als er
Champions-League-Gewinner FC Liverpool außer der Reihe ein
außerplanmäßiges Ausscheidungsspiel anbot
und bei der Auslosung prompt die „Reds“ zog,
nachdem diese von der UEFA doch noch die Starterlaubnis erhalten
hatten. Liverpools Fans zeigten sich dankbar und plünderten zu
Tausenden den bescheidenen TNS-Fanshop, dessen Umsatz
Rekordhöhe erreichte.
Die auf den ersten Blick so heile Welt trügt jedoch, denn im
englischen Schatten hat man enorme Probleme, ein paar Sonnenstrahlen
einzufangen. Das ist im wettergeplagten Wales ohnehin schwierig und
erweist sich angesichts der grenznahen Konkurrenz aus Manchester,
Liverpool und dem Großraum Birmingham als bisweilen
unmöglich. Die englische Premier League saugt nicht nur
Zuschauer aus Wales ab, sondern diktiert auch die Schlagzeilen und
greift damit tief in die walisische Seele ein. Beinähe
täglich gehen Liveübertragungen aus England
über den Sender, sind auch in Wales die Pubs gefüllt,
wenn Arsenal auf Chelsea trifft.
Während in England die
Fußballmillionen sprudeln, kämpfen Wales’
Erstligisten um jeden Penny und sehen sich ungewöhnlichen
Schwierigkeiten ausgesetzt. Da ist beispielsweise das Transportproblem.
Nur im äußersten Norden sowie im industrialisierten
Süden gibt es eine Hand voll Autobahnen. Der Rest des Landes
ist lediglich durch kurvenreiche und schmale Landstraßen
erschlossen, die dem Reisenden zwar atemberaubende Eindrücke
bescheren, es dem Eiligen jedoch schwer macht, von A nach B zu kommen.
Klubs, die nahe der englischen Landesgrenze residieren, können
das Problem mittels der englischen motorways umfahren, doch den Kickern
aus im Westen gelegenen Orten wie Porthmadog, Aberystwyth und
Haverfordwest bleibt nur der mühsame und zeitraubende Ritt
über Land.
Auch der Zustand vieler Stadien bereitet Sorge. Wo in England
inzwischen jeder halbwegs ambitionierte Viertligist in einer modernen
Arena kickt, herrscht in den walisischen Grounds noch der Geist der
siebziger Jahre. Das wird spätestens dann zum Problem, wenn es
um Europapokalspiele geht. Als Carmarthen Town 2005 in UEFA-Cup-Runde 2
auf den FC Kopenhagen traf, schüttelte die UEFA angesichts des
vereinseigenen Richmond Park nur den Kopf: 3.000 Plätze, davon
lediglich eine Hand voll zum Sitzen, waren den europäischen
Fußballwächtern entschieden zu wenig. Die
nahegelegene Stadt Swansea bot zwar kulant die Nutzung seines
neuerbauten All-seaters an, verlangte dafür aber
unverschämte 20.000 Pfund. Die Rettung kam aus der 120
Kilometer entfernten Hauptstadt, wo Cardiff-City-Boß Sam
Haman für die Nutzung des Ninian Parks handliche 900 Pfund
verlangte und die Partie schließlich vor lediglich 882 Fans
auch über die Bühne ging - in Carmarthen
wären sicherlich mehrere tausend Zuschauer gekommen.
Vizemeister Rhyl erwarb derweil vor seinem Spiel gegen Norwegens Viking
Stavanger kurzerhand 1.000 ausgediente Sitzplatzschalen aus Coventry
und peppte sein Belle-Vue-Stadion damit in letzter Sekunde UEFA-gerecht
auf. Landesmeister TNS indes musste gar nicht erst über sein
Heimstatt nachdenken – angesichts von kaum 2.000
Plätzen im heimischen Treflan-Ground wich man sofort nach
Bekanntwerden des Traumloses Liverpool nach Wrexham aus.
Wales „Rückständigkeit“ schafft
ein für Westeuropa geradezu liebevolles Ambiente. Der Clwb
Pêl Droed („Fußball Club“) aus
dem Snowdoniastädtchen Porthmadog würde
beispielsweise gerne Freitagabends spielen, weil man damit den
Liveübertragungen der englischen Premier-League entgehen und
auf höhere Zuschauerzahlen hoffen könnte. Doch das
geht nicht, denn Freitagabend ist in Porthmadog
„bingo-time“. Gegen den britischen Nationalsport
hat König Fußball keine Chance - zumal der
Fußballklub auch noch Ausrichter ist und sämtliche
Funktionäre für die Bingoveranstaltung eingeplant
sind. Auf der anderen Seite beschert das wöchentliche
Glücksspiel dem Klub allerdings auch eine
wetterunabhängige Einnahme, die einen wertvollen Beitrag zur
Bewältigung des Ligaspielbetrieb liefert...
Auch das nahe dem englischen Chester gelegene Kleinstädtchen
Broughton kann mit einer Kuriosität aufwarten: Die
Heimstätte „The Airfield“ des
örtlichen Erstligisten „Airbus U.K. Football
Club“ verfügt über teleskopische
Flutlichtmasten, die je nach Bedarf „eingezogen“
werden können. Grund: Unmittelbar neben dem Spielfeld
verläuft die Landebahn des Airbus-Flughafens (in Broughton
werden die Flügel des Airbus gefertigt), und wann immer ein
Flieger anrauscht, müssen die Leuchtstahler eingefahren
werden. Die passenderweise „Wing Makers“ getaufte
Heimelf hat sich längst dran gewöhnt –
für auswärtige Gäste hingegen ist es immer
wieder ein atemberaubendes Schauspiel...
Finanziell ist die offiziell „Vauxhall MasterFit Welsh
Premier League“ genannte Spielklasse eine gespaltene
Gesellschaft. Einige wenige ambitionierte Vereine stehen der breiten
Masse jener Klubs gegenüber, die froh sind, wenn sie die
Saison ohne roten Zahlen und auf einem Nichtabstiegsplatz
überstehen. Der Zuschauerzuspruch beläuft sich auf
rund 300 pro Begegnung. Selbst Spitzenspiele locken kaum vierstellige
Kulissen an. In der laufenden Spielzeit 2005/06 steht der Rekord bei
823 Zuschauern, die beim Treffen zwischen TNS und Caerws
gezählt wurden. Dem gegenüber stehen
überschaubare 60 Tapfere, die bei der Begegnung Port Talbot
– Connah’s Quay für einen Minusrekord
sorgten. Dass sich der britische TV-Monopolist
„Sky“ seit langem weigert, Übertragungen
von Spitzenspielen der Welsh Premier zuzustimmen, schmerzt angesichts
dieser Zahlen doppelt. Lediglich der Regionalsender S4C darf berichten
– allerdings nur in walisischer Sprache, was vor allem im
Osten des Landes, wo Walisisch kaum verbreitet ist, viele Interessierte
ausschließt.
Profitum ist nahezu unbekannt, denn wer ein wenig talentierter als der
Durchschnitt ist, versucht bei einem englischen Klub unterzukommen. Mit
Wrexham, Swansea und Cardiff kicken zudem die drei
berühmtesten Klubs des Landes in den englischen Profiligen und
zeigen keinerlei Interesse an der heimischen Liga: Selbst in Englands
vierter Division ist es für sie attraktiver als in der Welsh
Premier. Das schafft freilich Raum für ambitionierte Klubs,
denen in Wales die eine einzigartige Gelegenheit geboten wird,
europäische Fußballluft zu schnuppern. Dennoch sind
nicht alle zufrieden mit der Entwicklung der höchsten
Landesklasse und es kommen immer wieder Forderungen auf, die
führenden Klubs in das unterklassige englische
Amateurligasystem zu integrieren. „Rom wurde auch nicht an
einem Tag erschaffen“, kommentiert der für die Liga
verantwortliche Verbandsfunktionär John Deakin und mahnt
Geduld an. „Die Stadien und die Qualität des Spiels
haben sich deutlich verbessert. Wir hatten dieses Jahr zwei Klubs in
der zweiten Europapokalrunde und das ist etwas, auf das wir aufbauen
können. Ich spiele doch lieber im Europapokal gegen Liverpool
als in der Amateurliga der North West Counties“.
Dass die Liga seit ihrer Gründung im Jahre 1992 an
Attraktivität zugelegt hat, belegt mit Barry Town ausgerechnet
ein Klub, der bis 1993 im englischen Amateursystem mitspielte und nach
seinem Wechsel in die Welsh Premier als erster Klub zum
Profifußball konvertierte. Klubboss Neil O’Halloran
wurde reich belohnt für seinen Mut und durfte zwischen 1996
und 2002 alljährlich die Landesmeisterschaft bejubeln,
während es im Europapokal zu beachtlichen Erfolgen wie einem
3:1 gegen den FC Porto (2001) und einem 3:3 gegen Aberdeen (1996)
reichte. 2004 gingen bei den Cardiffer Vorstädtern jedoch
finanziell die Lichter aus und sie verschwanden in Liga 2. Als sich der
neue Klubboss Stuart Lovering weigerte, Miete für den Jenner
Park zu zahlen und das Team statt dessen im 22 Meilen entfernten
Treforest auflaufen lief, platzte den Fans der Kragen. Nach dem Vorbild
Wimbledon gründeten sie den Barry FC, der 2005/06 unter
beachtlichem öffentlichen Interesse zu einem Neustart in der
untersten Spielklasse antrat.
Barrys Rolle als „walisischer
Profifußballmotor“ übernahm
erwähnter FC TNS Llansantffraid, der 2005 nach drei
Vizemeisterschaft in Folge erstmals Landesmeister wurde. Die Zukunft
des neuen Hoffnungsträgers scheint gesichert. Zwar verkaufte
TNS-Boß Mike Harris sein Unternehmen kürzlich an die
British Telecom, doch abgesehen von einer Namensänderung wird
dies für die Grün-Weißen keine Folgen
haben, da Harris die Führung über den Verein
behält. Gegenwärtig plant er sogar den Bau eines
neuen Stadions, in dem dann auch im Europapokal endlich
„Heimspiele“ bestritten werden können.
Für die lediglich nach Feierabend trainierende Konkurrenz ist
das weitestgehend aus englischen Ex-Profis bestehende und
täglich auf dem Trainingsplatz anzutreffende Team um den
Caymanischen Nationalspieler Jamie Wood sowohl physisch als auch
psychisch inzwischen turmhoch überlegen. Der Jubel ist
dementsprechend groß, wenn es mal zu einem Unentschieden
gegen „The Saints“ langt...
Ein möglicher Herausforderer könnte der
Fußballklub aus dem südwalisischen Llanelli werden.
Der Verein wurde 2005 an das Finanzberatungsunternehmen
„Jesco“ verkauft, das ebenfalls auf Profitum setzt.
Man übergab dem spanischen Ex-Profi Lucas Cazorla Luque die
Führung und heuerte vier von dessen Landsleuten an, die sich
seitdem tapfer gegen die walisischen Wetter-Unbillen stemmen und ihren
Klub zur Vizemeisterschaft (und in den UEFA-Cup) schossen.
Kürzlich wurde ein weiterer Sponsorendeal mit der Brauerei
Carlsberg abgeschlossen, und obwohl die 75.000-Einwohner-Gemeinde eine
der standfestesten Rugbyhochburgen des Landes darstellt, verdreifachten
sich die Zuschauerzahlen im Stebonheath Park – von knapp 160
im Schnitt auf rund 500...
Ein Problem, das alle Vereine betrifft, ist das Wetter, das in Wales
niemals vorhersagbar ist. Die regelmäßigen
Niederschläge schrauben nicht nur die Kosten für die
Instandhaltung der Spielfelder enorm in die Höhe sondern
wirken sich auch auf die Zuschauerzahlen aus. Wer stellt sich schon
gerne bei kräftigem Westwind in strömenden Regen,
wenn er zeitgleich gemütlich bei einem Pint
Spitzenfußball im Fernsehen verfolgen kann? Aber auch da
scheinen Lösungen in Sicht. Während sich die Klubs um
eine Verbesserung der Infrastruktur in den Stadien kümmern,
entwickelt man an der Universität von Aberyswtyh
gegenwärtig einen Rasen, der speziell auf walisische
Wetterverhältnisse zugeschnitten ist. Kein Zweifel: Es wird
weiter aufwärts gehen mit dem Spitzenfußball in
Wales!
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Hier eine kleine Auswahl jüngerer Reportagen.
Wimbledons Rückkehr in die Football
League (2011)
Deutscher Klub in Belgiens 1. Liga (2010)
Aufstieg Arles-Avignon in Frankreichs 1.
Ligas (2010)
Olympique Marseille vor dem Titelgewinn
(2010)
En Avant Guingamp in der Europa League (2009)
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Frankreichs heimliches Fußballherz
Die Bretagne (11 Freunde)
Dahinter kommt nichts mehr. ´“Finistère
» - « Finis Terre ». Davor liegt ein
raues Land. Wettergegerbt, mythenumrankt, voll rauer
Schönheiten: Die Bretagne. Manchmal scheint die Welt hier
tatsächlich zu Ende zu sein, schlendert das Leben mit seltener
Gemütlichkeit dahin. Autobahnen gibt es nicht, und wer von
Nord nach Süd will, muss sich mühsam den Weg durch
atemberaubende Landschaften bahnen, die von mächtigen
Megalithen gesäumt sind. Das keltische Erbe der Bretagne ist
aber nicht nur steinern, sondern lebt bis in die Gegenwart.
„Radio France Bretagne“ dudelt unablässig
bretonische Popsongs, Teile der Region sind zweisprachig ausgeschildert
und überall flattert die bretonische Flagge „Gwen ha
Du“.
Am Wochenende verwandelt sich die ganze Bretagne. Dann werden
überall die Fußbälle aus den Schuppen
gerollt und selbst auf noch so schmalen Dorfplätzchen um
Punkte gerungen. Nirgendwo sonst in Frankreich ist Fußball
derart flächendeckend verbreitet. Es gibt zwei Zeitungen, die
sich ausschließlich mit dem Fußball der Region
beschäftigen („Bretagne Foot“ für
den Amateur-, „Breizh Football Pro“ für
den Profifußball), die Dorfschenken heißen hier
„Bar des Sports“ und an Derbytagen kann die
Zuschauerzahl selbst im Amateurlager schon mal die 2.000er Marke
überschreiten.
Die Bretagne ist Frankreichs heimliches Fußballherz.
Mit drei Erst- und zwei Zweitligisten stellt der
äußerste Nordwesten Frankreichs zudem so viele
Profiklubs wie keine andere Region im Lande – allenfalls das
Industriequartier Nord-Pas-de-Calais vermag da etwas mitzuhalten.
Während es in Lens, Lille und Valenciennes jedoch die recht
junge Industriekultur ist, die das Fußballfieber befeuert,
speisen sich die Fußballwurzeln der Bretagne aus dem uralten
Keltentum. Schon im 12. Jahrhundert wurde zwischen Rennes und Brest ein
Spiel namens „Seault“ betrieben, das
übersetzt „Sonne“ heißt und bei
dem es unangenehm brutal zuging. Heute erinnert vieles an britische
Fußballkultur, zumal der Landstrich auch klimatisch dem im
Französischen „Grande-Bretagne“ genannten
Nachbarn ähnelt und damit eine Sonderrolle im sonnenfixierten
Frankreich spielt.
Das berühmte „savoir vivre“ fällt
in der Bretagne ein wenig aus dem Rahmen, denn statt „bon
vivant“ ist der Bretone eine Mischung aus Bauer und Seemann.
Bernard Hinault, bretonische Radsportlegende, lässt
Journalisten gerne mal auf seinen Hof in der Nähe von Saint
Brieuc kommen und sich dann stolz in Gummistiefel und mit Mistforke
ablichten. Hinault ist so etwas wie der Vorzeigebretone:
Bodenständig, mit klarem Blick für die
Realität und ohne Respekt vor den Naturgewalten, die das Land
am Meer im Winter wie im Sommer heimzusuchen vermögen.
Innig geliebtes Symbol ist die Flagge „Gwen ha Du“,
(„Schwarz und Weiß“), die zur
Standardausrüstung jedes bretonischen Haushalts
gehört. Die meisten Bretonen sind zwar damit einverstanden,
Franzosen zu sein, ihren Stolz jedoch reservieren sie für die
Bretagne. In diesem Sinne steht das schwarz-weiß gestreifte
Flaggentuch als gewollter Kontrast zur Tricolore, die in der Bretagne
ohnehin mit Eroberung und Unterdrückung verbunden wird. Als
die Tageszeitung „Le
Télégramme“ ihre Leser vor einiger Zeit
fragte, ob sie sich „zur Bretagne oder zu Frankreich
gehörig fühlen“, antworteten 42% mit
„Bretagne“ - und nur 26% mit
„Frankreich“...
Auch im Fußball lebt die bretonische Kultur. Vorzeigeklub ist
Stade Rennes. „Die Wurzeln des bretonischen
Profifußballs liegen in Rennes“, weiß die
87-jährige Fußball-Legende Jean Prouff zu berichten.
Prouff hat jahrzehntelang als eisenharter Verteidiger und gestrenger
Trainer dazu beigetragen, dass aus einem bescheidenen
Universitätsklub eine der spielstärksten Mannschaften
Frankreichs wurde. Neben Regionalbewusstsein half eine für den
Landstrich typische Toleranz. Tschechen, Ungarn, deutsche Juden
– bei Stade Rennes war jeder willkommen. Einer der
frühen lokalen Fußballstars war der aus dem
deutschen Neuwied stammende Walter Kaiser, mit dem Stade Rennes 1932
als einziger Klub der Bretagne zu den Gründungsmitgliedern der
französischen Profiliga zählte. Die „Rouge
et Noir“ spielten seinerzeit eine schwer auszurechnende
Kombination aus bretonischem Kraft- und mitteleuropäischem
Kombinationsfußball, der sie 1935 bis ins Pokalfinale
brachte. Vollends zum Mythos wurde Stade Rennes in den 1960er Jahren,
als man unter erwähntem Jean Prouff ein offensives 4-2-4
pflegte und damit einen Gegenpol zum aus Italien
herübergeschwappten ultradefensiven
„catenaccio“ setzte. Während sich das Team
1965 und 1971 jeweils den Landespokal sicherte, wurden im Stadion an
der „Route de Lorient“ bretonische Volksfeste
gefeiert. Viele Fans erschienen in traditionellen Kostümen,
sangen bretonische Lieder und schwenkten die Flagge „Gwen ha
Du“. Bis heute ist Rennes stolz auf seine bretonischen
Wurzeln. Das Vereinslogo bilden zwei Hermeline (bretonisches
Wappentier), die Klubhymne „Keltia“ stammt von der
bretonischen Rockband „EV“ und auf den
Rängen verbreiten „Les Breizh Stourmers“
keltische Stimmung. In sportlicher Hinsicht steht der Verein
für vorzügliche Nachwuchsarbeit. Rennes’
Jugendschule wurde 2006 als beste Frankreichs ausgezeichnet, was das
Fachblatt „France Football“ als „die
Früchte jahrelanger Arbeit und einer klaren
Regionalpolitik“ bezeichnete.
Als natürlichen Feind betrachtet man in Rennes den FC Nantes,
der die Rennais in den späten 1960er Jahren als Nummer eins
der Bretagne ablöste. Offiziell dürfte Nantes
allerdings gar nicht zur Bretagne gezählt werden, denn die
alte Kapitale der Bretagne wurde 1941 in einer kommunalpolitischen
Freveltat der Region „Pays de la Loire“
zugeschlagen. In Wirklichkeit interessiert das jedoch niemanden, und
Nantes präsentiert sich als moderne Stadt, durch deren Gassen
reichlich bretonisches Flair wabert. Auf der anderen Seite
fühlt sich die Stadt aber zu jung, um dem mitunter etwas
düsteren Bretonischen nachzuhängen. So sind denn auch
auf den Rängen des Stade de la Beaujoire nur vereinzelte
„Gwen ha Du“ zu finden und es dominiert das
wellenförmige Vereinswappen, das schwungvolle Moderne
repräsentieren soll. 1965 errangen „Les
Canaries“ („die Kanarienvögel“)
unter dem baskischen Trainer José Arribas als erster
bretonischer Klub die französische Landesmeisterschaft, der
bis 2001 sechs weitere folgten. Auch Nantes hat einen
vorzüglichen Ruf als Nachwuchsquelle –
Männer wie Didier Deschamps, Marcel Desailly und Patrick Loko
lernten im berühmten Jugendzentrum La Jonelière das
kleine Fußball-1x1. Seit dem Verkauf an den Industriellen
Dassault ist der bretonische Fixstern allerdings ein wenig ins Trudeln
geraten, und gegenwärtig droht der erste Abstieg seit 43
Jahren.
Abstieg ist ein Schicksal mit dem man sich in Guingamp gut auskennt.
Die gemütliche Provinzstadt im nordbretonischen Departement
Côtes d’Armor ist so etwas wie das
„letzte gallische Dorf“. Kaum 8.000 Einwohner
zählend, bietet das lokale Stade du Roudourou mehr als 18.000
Menschen Platz – und war in der Vergangenheit schon mehrfach
bis auf den letzten Platz gefüllt. Guingamp ist ein herrliches
Beispiel, wie der Fußball eine verschlafene Region in einen
brodelnden Kessel verwandeln kann. Jahrzehntelang als
„Pokalschreck“ gefürchtet gelang
„En Avant“
(„Vorwärts“) 1995 einigermaßen
überraschend der Durchmarsch von der dritten bis in die erste
Liga, wo man prompt bis in den UEFA-Cup stürmte und sich
plötzlich Inter Mailand gegenübersah. Erfolgsrezept
war eine Besinnung auf bretonische Wurzeln, denn große Teile
des Erfolgskaders stammten aus der Region – darunter
Stéphane Guivarc’h, der 1998 mit Frankreich
Weltmeister wurde und aus Concarneau stammt, Stéphane Carnot
aus dem Dörfchen Saint Yvy unweit von Quimper, Lionel Rouxel
aus dem benachbarten Dinan sowie Publikumsliebling Claude
„Coco“ Michel aus Rostrenen bei Carhaix. Im
Vereinslogo ist das uralte keltische Symbol
„Triskel“ zu sehen, auf den Rängen wird
die bretonische Hymne „Bro gozh ma
zadoù“ intoniert und mit seinem keltischen Gustus
erreicht der Verein im traditionsverbundenen und überwiegend
bretonischsprachigen Norden auch die Nichtfußballfans. Seinen
Zenit erklomm En Avant im Spieljahr 2002/03, als Didier Drogba und
Florent Malouda den Angriff bildeten und man in einer atemberaubenden
Rückserie nur haarscharf erneut den Sprung in den UEFA-Cup
verpasste. Anschließend kaufte die finanzkräftigere
Konkurrenz das Erfolgsteam auf (Drogba zu Marseille, Malouda nach
Lyon), und für Guingamp ging es zurück in die 2.
Liga, wo man seitdem um Fassung ringt. Die Ausstrahlung ist freilich
ungebrochen – 2005/06 strömten pro
Zweitligaheimspiel durchschnittlich 9.347 Zuschauer in die
8.000-Einwohner-Gemeinde. In Guingamp vertraut man auf
Kontinuität und Bodenständigkeit. Vorsitzender ist
seit vielen Jahren Bürgermeister Noël Le
Graët, lange Zeit Chef des französischen
Ligaverbandes „LFP“ und heute
Vizepräsident des französischen Nationalverbandes.
Hauptsponsoren sind die regionale Fluggesellschaft „Brit
Air“ und die lokale Käserei
„Rippoz“, die ganz Europa mit Raclette versorgt.
Die Fußballerfolge der letzten Jahrzehnte haben die
Kleinstadt verändert, denn normalerweise passiert in Guingamp
nicht viel. Das schicke Leben spielt sich in der benachbarten
Lust-Kapitale Saint Brieuc ab, und wer abends über den Place
du Centre marschiert, trifft nur selten andere Passanten. En Avant hat
dem Örtchen Leben eingehaucht und seinen Bewohnern Grund
geschenkt, stolz auf sich und ihre Region zu sein. Über den
Fußball konnte sich das kleine Provinznest plötzlich
mit den Metropolen messen, und wenn En Avant in Marseille oder Lyon
auflief, hingen in der gesamten Nordbretagne schwarz-rote Vereinsfahnen
aus den Fenstern während die mitgereisten Fans stolz
verkünden: „Les paysans sont deja
là!“ („Die Bauern sind schon
da!“). Guingamps Publikum wurde in der Vergangenheit mehrfach
als „bestes“ im Lande ausgezeichnet, weil es im
Stade du Roudourou stets fair und respektvoll zugeht.
In Brest betrachtete man die Erfolge der Guingampais lange mit Skepsis
und unverhohlener Abneigung. In den 1980er Jahren war die Marinestadt
im westlichen Département
„Finistère“ selbst drauf und dran, sich
in eine Fußballhochburg zu verwandeln. Federführend
war Präsident François Yvinec, der sich als
Großbäcker eine goldene Nase verdient hatte.
Zunächst klappte alles prima, denn die u.a. mit den
WM-Teilnehmern Julio Cesar (Brasilien) und Sergio Goycoechea
(Argentinien) verstärkte Elf um das lokale Ausnahmetalent Paul
Le Guen etablierte sich prima in der höchsten Spielklasse.
Auch in Brest legte man Wert auf seine bretonischen Wurzeln. Aus Stade
Brest wurde „Brest Armorique“ (nach
„Armorika“, der keltischen Bezeichnung für
die Bretagne), während die Besucherzahlen im Stade Francis Le
Blé für französische Verhältnisse
exorbitant hoch ausfielen. Doch der Erfolg war auf Pump gebaut. Im
Dezember 1991 kam es zum Finanzcrash, und der eilig gegründete
Nachfolgeverein Stade Brestois musste von ganz unten beginnen. Dass
dabei ausgerechnet Guingamps Präsident Le Graët als
Vorsitzender des Ligaverbandes eine Schlüsselrolle einnahm,
schuf in Brest tiefe Abneigung gegenüber dem aufstrebenden
Provinzklub. Als Stade Brest 2004 in die 2. Liga zurückkehrte,
herrschte bei den Derbys prompt ein normalerweise bei einem
Fußballspiel in der Bretagne eher seltener Ausnahmezustand.
In Brest träumt man derzeit von der Rückkehr ins
Oberhaus, wofür die 155.000-Einwohnerstadt abgesehen vom
baufälligen Stadion auch bestens präpariert
wäre. Das keltische Erbe wird noch immer gepflegt: Im
Vereinslogo prangen vier Hermeline, auf den Rängen sorgen
„les Celtics Ultras“ für Stimmung und die
„Gwen ha Du“ flattert reichlich im
immerwährenden westbretonischen Wind.
Als jährlicher Schauplatz des Kulturfestival
„Interceltique“, bei dem Künstler aus dem
gesamten keltischen Raum zusammenkommen, wäre auch das am Golf
von Morbihan gelegene Hafenstädtchen Lorient wie geschaffen
für eine bretonische Fußballhochburg. Doch beim 2006
zum dritten Mal in die 1. Liga aufgestiegenen FC Lorient dominiert eher
Hafen- und Seefahrromantik. Man nennt sich „Les
Merlus“ („Die Seehechte“) und durch das
Stade du Moustoir wummern am Spieltag Stücke der lokalen
Kultband „Soldat Louis“, die mit rockiger
Seemannsmusik („Salut, bienvenue à
bord“) daherkommt. Lorients sportlicher Erfolg indes ist
durch und durch „bretonisch“: Erfolgstrainer
Christian Gourcuff stammt aus dem Finistère-Örtchen
Hanvec und hat die Südbretonen mit einem Mini-Budget (derzeit
20 Mio. Euro) in die 1. Liga geführt.
Eine schlafende Fußballhochburg ist Quimper. Einst
gefürchteter Pokalschreck musste der Klub 1997 Konkurs
anmelden und dümpelt seitdem im unterklassigen
Amateurfußball. Nach Ansicht von Experten ist es jedoch nur
eine Frage der Zeit, wann „Stade Q“ in den
Profifußball zurückkehrt. Ähnlich wie der
Großraum Guingamp ist Quimper eine Hochburg der bretonischen
Kultur und hat damit das Potenzial zu einem regionalen
Aushängeschild.
Die Stärke des bretonischen Fußballs ist seine
enorme geographische Verbreitung und seine tiefe emotionale
Verankerung. Selbst kleinste Dörfer haben bis heute
funktionierende Fußballvereine und durchsieben die Region
unablässig nach Talenten. Mit 17 auf nationaler Ebene (erste
bis fünfte Liga) spielenden Teams kommt die Bretagne auf
genauso viele Mannschaften wie der Großraum Paris –
speist diese aber mit nur einem Drittel der Einwohnerschaft. Rund
180.000 der etwa drei Mio. Bretonen sind registrierte
Fußballer, während der Großraum Paris bei
11 Mio. Einwohnern auf lediglich 200.000 aktive Kicker kommt. In
jüngster Zeit etablierte sich die Region zusehends als
Schulungszentrum für afrikanische Talente. Das ist insofern
bemerkenswert, als recht wenige Afrikaner in der Bretagne leben, was
neben dem chronischen Arbeitsplatzmangel wohl auch dem wechselhaften
Wetter zuzuschreiben ist. Spieler mit afrikanisch-karibischen
Hintergründen wie Desailly, Loko, Makelele, N’Doram
und Wiltord, die allesamt für bretonische Klubs spielten,
schwärmten dennoch von der angenehmen Atmosphäre
während ihrer Zeit in der Bretagne. Als Region, an der der
ganz große internationale Fußball inzwischen
vorbeigeht (bretonische Klubs schickten zwar immerhin elf Spieler zur
WM 2006, doch nur der dritte französische Torsteher Landreau
war auch Bretone) war die Entwicklung zum nationalen Ausbildungszentrum
fast zwangsläufig. Die ausländischen Talente kommen
kostengünstig in die Region, werden dort fürsorglich
aufgebaut und schließlich gewinnbringend verkauft, was
entscheidend zur Sicherung des Saisonetats beiträgt. Didier
Drogba hatte Guingamp einst 150.000 Euros gekostet und wurde
für acht Mio. Euro an Marseille abgegeben.
Pläne einer Abspaltung vom französischen
Fußballverband oder einem Beitritt zum
„Non-FIFA-Board“ gibt es übrigens nicht.
Die 1997 gegründete Bretonische Football-Association (BFA)
versteht sich als reiner Spielerverband, der vor allem die individuelle
Förderung seiner 600 Mitglieder zum Ziel hat. Nach Aussage von
BFA-Generalsekretär Fañch Gaume will man in der
Zukunft allerdings verstärkt Freundschaftsspiele einer
bretonischen Auswahl organisieren, um so das
Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken (1998
trat man bereits gegen WM-Teilnehmer Kamerun an). Für 2007
sind beispielsweise Freundschaftsspiele gegen die Demokratische
Republik Kongo (wo BFA-Mitglieder Claude Le Roy Trainer ist) sowie die
keltischen Verbände Irland, Schottland und Wales geplant.
´
Piraten in Wembley
Unterwegs mit den Bristol Rovers (Nord4)
Vierte Liga ist nicht vierte Liga. Wo hierzulande Spaßbremsen
wie die Amateure des VfL Wolfsburg wertvolle Ligaplätze
belegen, tobt in anderen Ländern auch auf
vierthöchster Ebene noch der große
Fußball. Vor allem natürlich in England, der
„Mutter“ des Spiels und der Heimat von 92
Profiklubs, die auf vier Divisionen verteilt sind.
Allerdings hat der allgegenwärtige Kommerz auch auf der Insel
seine Spuren hinterlassen. Die erste Liga heißt nun
„Premier League“ und füllt sich als
geschlossene Gesellschaft gegenseitig die Taschen. Die 2. Liga nennt
sich „Championship“ und ist bestückt mit
Klubs, deren einziges Ziel die „Premier League“ ist
und die in ihrer Verzweiflung, das gelobte Land zu erreichen, bisweilen
ein wenig die finanzielle Orientierung verlieren. 2007 erwischte es mit
Leeds United mal wieder einen ganz großen – der
Ex-Champions-League Teilnehmer musste in die 3. Liga absteigen, wo er
nach gegenwärtigem Stand der Dinge 2007/08 mit zehn
Minuspunkten starten muss, weil er in
„administration“ ging – hierzulande
heißt das „Insolvenz“ und wird leider dem
einen oder anderen Leser von seinem eigenen Verein bekannt sein. Die 3.
Liga, in die Leeds absteigen wird, heißt übrigens
„First Division“ – so viel Verwirrung
muss sein.
Kommen wir zur 4. Liga, der untersten Spielklasse der vier Profiligen.
Die heißt natürlich nicht vierte Liga sondern
„Second Division“ (mit vollem Namen
„Coca-Cola Football League Division 2“ und weist so
edle Mitglieder wie Notts County, MK Dons und Ex-Landesmeister Bury FC
auf. Unter den 24 Klubs des „lower tier“ mischten
bis vor kurzem auch die Bristol Rovers mit, die der Verfasser dieser
Zeilen vor ungefähr 15 Jahren zu seinem „britischen
Liebling“ erklärte – vermutlich, um den
als passionierter Anhänger des inzwischen verblichenen 1. SC
Göttingen 05 ohnehin hohen Leidensfaktor noch ein wenig zu
steigern.
Nach diversen eher unbefriedigenden Begegnungen dieser mitunter nicht
immer komplikationsfreien Fernbeziehung erwischte ich nun im
Frühjahr 2007 endlich einmal eine
Glücksträhne, die zu einem völlig
unerwarteten Highlight führte: Dem Besuch des play-off-Finals
zwischen den Bristol Rovers und Shrewsbury Town im
frischeröffneten Londoner Wembleystadion. Dass dieser
Begegnung exakt 61.847 Zuschauer beiwohnten, Sky Sport live
übertrug und nationale Blätter wie „the
guardian“ oder „the sun“
ausführlich berichteten, dürfte einen für
hiesige Viertliga-Anhänger weiteren schmerzhaften Unterschied
aufzeigen. Man stelle sich vor, was wohl im Berliner Olympiastadion los
wäre und wie viele Zeilen „Bild“ opfern
würde, stünden sich dort zwei deutsche Viertligisten
im Kampf um einen Platz in der Regionalliga gegenüber...
Nun ist es müßig, die vierte englische Liga mit den
deutschen Oberligen zu vergleichen. Da gibt es nichts zu vergleichen.
In England herrscht Profium – in Deutschland gibt es
allenfalls Vertragsamateure. In England spielen die Viertligisten
landesweit – in Deutschland gibt es acht regionale Oberligen.
In England treten ausschließlich mitunter sehr ruhmreiche
Traditionsklubs an – in Deutschland finden sich vereinzelte
Traditionsklubs à la Altona 93 und SV Meppen inmitten von
Emporkömmlingen und den unsäglichen zweiten
Mannschaften. In England spielt man in imposanten
Fußball-Arenen, während Deutschlands Oberliga-Alltag
bisweilen fatal an Dorffußball erinnert. Von seiner
Atmosphäre und seinem Ambiente ist Englands
Viertligafußball folglich eher mit der 2. Bundesliga bzw. der
Regionalliga vergleichbar.
Das gilt auch für die Bristol Rovers, bei denen es sich um ein
fußballspielendes Unternehmen mit insgesamt 86 Angestellten
(darunter 31 Spieler) handelt. Der Klub ist in Besitz seines eigenen
Stadions und registrierte in der Saison 2006/07 beim 1:0 über
Boston United die schmalste Saisonkulisse, als 4.327 Zahlende ihren
Obolus entrichteten. Dem gegenüber standen rund 10.000 beim
Nachbarschafts- und Spitzenspiel gegen Swindon Town. Der Schnitt lag
etwa bei 6.500. Auswärts wird der Klub stets von einer etwa
200-köpfigen Hardcorefangruppe begleitet, die bei
entsprechender Tabellenkonstellation schon mal auf 2.000 und mehr
Mitreisende anschwillt.
Wie viele Teams in der Liga blicken die Rovers auf eine lange Tradition
zurück. 1883 als erster Fußballklub in Bristol
gegründet, gelten sie als der Arbeiterverein Bristols.
Erzrivale Bristol City indes ist im bürgerlichen Milieu
angesiedelt. Beide Klubs werden durch den Fluss
„Severn“ voneinander getrennt –
südlich ist das Bristol „red“ (City),
nördlich hingegen „blue“ (Rovers). Obwohl
Bristol eine ausgewiesene Fußballhochburg ist, zählt
die Stadt in Sachen „großer
Fußball“ etwas zu den Underdogs. City spielte vor
vielen Jahren ein paar Saisons in der heutigen Premier League, zerbrach
aber anschließend an seinen Schulden und stellte mit vier
Abstiegen in ebenso vielen Jahren einen Negativrekord auf. Die Rovers
hatten ihre besten Jahre in den 1950ern, als man mehrfach ans Tor zur
1. Liga klopfte. Später spielte u. a. WM-1966-Held Allan Ball
für den Klub.
Im Vergleich zum städtisch geprägten City sind die
Rovers so ein bisschen der „dreckige Underdog“. Das
Label des Klubs ist geprägt von seiner Geschichte, die mit der
Arbeiterschaft der Stadt verbunden ist. Schon der Begriff Rovers
signalisiert das – er steht für
„Piraten“, was einerseits die Hafentradition
Bristols widerspiegelt, andererseits ein „uns
unterdrückt ihr nicht“ symbolisiert.
Drei Dinge zeichnen den Klub seit vielen Jahrzehnten aus: Das
einzigartige Trikot aus zwei blauen und zwei weißen Vierecken
(Quarters), der Spitzname „the Gas“ und die
inoffizielle Vereinshymne „Goodnight Irene“.
„The Gas“ war ursprünglich ein
Schmähruf gegnerischer Fans und der Tatsache geschuldet, dass
sich neben der langjährigen Spielstätte
„Eastville Stadium“ die städtischen
Gaswerke befanden und es dementsprechend immer ein wenig nach Gas roch.
Die Rovers-Fans griffen den vermeintlichen Spottruf auf,
füllten ihn mit Stolz und verwandelten ihn in ein
Markenzeichen. Seitdem heißt es „Come on you
Gas“, wenn das Team aufspielt, nennen sich die Rovers-Fans
„Gasheads“. „Goodnight Irene“
indes ist ein uralter Gassenhauer, der aus lauter Frust in den 1950er
Jahren beim Auswärtsspiel in Plymouth angestimmt wurde, als
sich eine Niederlage der Rovers anbahnte. Kaum angestimmt, drehte die
Mannschaft das verloren geglaubte Spiel seinerzeit noch um, und
„Irene“ wurde zur Klubhymne.
Die jüngere Vereinsgeschichte ist überschattet von
einer ungelösten Stadionfrage. Das Eastville Stadium wurde
1986 nach den Vorfällen von Hillsborough und Heysel wegen
Baufälligkeit gesperrt, und aus Mangel an Alternativen wichen
die Rovers in die Nachbarstadt Bath aus, wo sie in dem klitzekleinen
„Twerton Park“ spielten.
Nach zig gescheiterten Anläufen, die Genehmigung für
den Bau eines neuen Stadions zu erhalten, einigte man sich
schließlich 1996 mit dem örtlichen Rugby Club auf
ein „Groundsharing“ des Memorial Stadiums, und die
Rovers waren endlich „back to Bristol“. Doch das
lange Exil hatte Spuren hinterlassen. Traditionell auf Jugendarbeit
bauend und sich mit dem Transfer „fertiger“ Spieler
finanzierend, hatte man seine Talente aufgrund der geringeren Einnahmen
zunehmend früher abgeben müssen. Als dann auch noch
das Bosman-Urteil kam und sich auch in England die
Fußball-Welt verändert, musste der Klub 2001 zum
ersten Mal in der Geschichte in die 4. Liga absteigen. Just zur selben
Zeit sorgte die TV-Krise für eine weitere
Finanzlücke, woraufhin man 2002 nur knapp dem Sturz in die 5.
Liga entging und ernsthaft in der Existenz bedroht war.
2006/07 kam die Wiedergeburt. Grundlage war die Wiederbelebung eigener
Werte als „social club“, der inmitten der
„community“ lebt. Ein junger Trainer (Paul
Trollope, einst für Fulham in der Premier League am Ball),
eine junge Mannschaft und eine
„never-give-up“-Attitüde sorgten
für eine der denkwürdigsten Spielzeiten der
Vereinsgeschichte, die nebenbei das enorme Potenzial des Klubs offen
legte. Es begann mit einem Siegeszug in der JPT-Trophy, einem
Pokalwettbewerb für die Dritt- und Viertligisten Englands. Im
Halbfinale trafen die Rovers auf Stadtrivale City, der in einem
denkwürdigen Spiel mit 1:0 bezwungen wurde.
Anschließend brach eine enorme Euphorie um den Klub aus. Beim
Finale im Millenium Stadion von Cardiff wurde der Viertligist von
40.000 mitgereisten Fans unterstützt, und ganz England hockte
ehrfürchtig vor den TV-Bildschirmen, als jene 40.000
„Gasheads“ ihr „Goodnight
Irene“ anstimmten. Sportlich hatte man Pech – nach
fünf Minuten lagen die Rovers bereits 0:2 in
Rückstand, erzwangen nach dem Seitenwechsel eine
Verlängerung, in der sie mit 2:3 verloren.
In der Liga hatte die Elf zu jenem Zeitpunkt elf Punkte
Rückstand auf einen „Play-off-Platz“ (die
ersten drei der Liga stiegen direkt auf, die Plätze 4-7
berechtigten zur Play-off-Teilnahme). Angesichts sieben noch
ausstehender Spiele eigentlich eine unüberwindbare
Hürde. Eigentlich, denn am vorletzten Spieltag sorgte ein
1:0-Erfolg über Swindon für das Vorrücken
auf den siebten Platz, aus dem eine Woche später dank eines
2:1 in Hartlepool sogar ein sechster Rang wurde.
Die „Gasheads“ waren nun nicht mehr aufzuhalten.
Als sie Lincoln City auf dem Weg ins Play-off-Finale mit einem 2:1 in
Bristol und einem atemberaubenden 5:3-Spektakel souverän
ausgeschalten, nahm der Hype um den Klub endgültig
Premier-League-Dimensionen an. Die für die Finalparty im
Wembleystadion gegen Shrewsbury Town zur Verfügung stehenden
35.000 Tickets gingen innerhalb von nur 72 Stunden über den
Ladentisch, und auch eine Nachorderung von weiteren 5.000 Tickets war
binnen Stunden ausverkauft. Mehr Karten gab es nicht, und so mussten
sich viele Fans mit der TV-Übertragung begnügen,
während sich am 26. Mai 2007 eine 40.000 Köpfe starke
Kolonne von „Gasheads“ auf den Weg nach London
machte.
Darunter war auch der Verfasser, denn im April war ich während
eines Kurzbesuches mit drei Spielen binnen einer Woche (u. a. das
erwähnte Swindon-Spiel) mitten in den Rovers-Hype geraten und
hatte noch in der Nacht des besiegelten Finaleinzuges Ticket, Flug und
Unterkunft gebucht. War das frischeröffnete Wembley schon ein
Traum, so war Wembley mit dem eigenen Team mehr als nur ein Traum.
Die Atmosphäre war unbeschreiblich und allenfalls mit einem
Pokal- oder Länderspiel zu vergleichen, nicht aber mit der
Begegnung zweiter Viertligisten. Bereits vier Stunden vor dem Anpfiff
waren die zum Stadion fahrenden U-Bahnen prall gefüllt mit
Fans beider Lager. Überwiegend trugen sie die
blau-weiß-gefelderten Jerseys der Rovers, doch auch
Shrewsbury-Fans waren auszumachen – häufig mitten im
Gespräch mit den Rovers-Anhängern. 25.000 Tickets
waren in der Kleinstadt an der walisischen Grenze verkauft worden
– angesichts von kaum mehr als 50.000 Einwohnern eine
bemerkenswerte Zahl. Es war eben für beide Seiten ein
absolutes Highlight, und auch wenn eine Play-off-Runde
möglicherweise nicht der sportlichen Gerechtigkeit dient, ist
sie für die Fans ein Geschenk des Himmels: Wann sonst hat ein
Viertligist die Gelegenheit, in Wembley zu spielen?
Als um 13 Uhr die Stadiontore geöffnet wurden, herrschte im
Umfeld Länderspielatmosphäre. Die Straßen
waren schwarz vor Menschen, überall offerierten fliegende
Händler ihre speziell für die Begegnung gefertigten
Fahnen, Schals, Pins und Hütchen, flammten Blitzlichter auf,
mit denen die Momente der Ewigkeit auf Celluloid gebannt wurden.
Unterdessen trudelte Bus um Bus mit weiteren Fans ein, kutschierten
Sonderzüge aus Bristol weitere „Gasheads“
zur „Mutter aller Stadien“.
Exakt 61.847 Menschen wollten sich die Begegnung zweier Viertligisten
schließlich nicht entgegen lassen. Nur die Verwaltung des
Wembleystadions sorgte für Missstimmung, weil der gesamte
Mittelring sowie der Mittelblock der Gegengerade den Damen und Herren
des VIP-„Club Wembley“ (Mitglied u. a.: David
Beckham) vorbehalten blieben, von denen allerdings nur wenige
persönlich erschienen. Während also in Bristol
tausende Fans ohne Ticket vor den Bildschirmen hockten (und in
Shrewsbury vermutlich auch), blieben über 20.000
Plätze mit bester Sicht leer. Moderner Fußball...
Die Stimmung war dennoch grandios. Es begann mit der Nationalhymne, an
deren Ende erstmals ein 40.000-stimmiges „Goodnight
Irene“ erklang und sich auch die Shrewsbury-Fans lautstark
bemerkbar machten. Die hatten schon nach vier Minuten Grund zum Jubeln,
doch aus der frühen 1:0-Führung für den
Außenseiter wurde noch vor dem Halbzeitpfiff ein
2:1-Vorsprung für die „Gasheads“. Am Ende
einer unterhaltsamen zweiten Halbzeit sorgte Shrewsburys Keeper
unfreiwillig für die Entscheidung, als er in der Nachspielzeit
in den gegnerischen Strafraum eilte, das Leder verpasste und Rovers
Mittelfeldrenner Sammy Igoe allen Platz und alle Zeit der Welt hatte,
um das 3:1 zu markieren.
Der Rest war Jubel (na ja, oder Trauer...), der zum Orkan wurde, als
die Siegerelf die 107 Stufen bis zur Ehrenloge hinaufkletterte, um die
Siegertrophäe in Empfang zu nehmen. Irgendwie surreal.
Während eine wahnsinnige Saison somit ihr wahnsinniges Finale
fand und 40.000 euphorisierte „Gasheads“ zum
wiederholten Male „Goodnight Irene“ anstimmten,
machte ich erste Pläne für die nächste
Saison, wo die Gegner nun Nottingham Forest und Leeds United
heißen - ist ja schließlich keine vierte Liga mehr!
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