Tasmania 1900 Berlin. Als der Horror begann
Aus: Nordsport
Tasmania Berlin ist der schlechteste Bundesligist aller Zeiten. Das
wissen wir alle. Und die Statistiker unter uns können auch die
reinen Zahlen runterbeten. 8 Punkte, 108 Gegentore, ganze 15 eigene
Treffer. Eine Saison zum Vergessen eben. Heute vor 45 Jahren nahm das
Drama der Tasmania erstmals klare Konturen an - im Heimspiel gegen den
1. FC Köln gab es seinerzeit eine 0:6-Niederlage, die deutlich
machte, dass die Mannschaft in der Bundesliga heillos
überfordert war. Nachstehend ein Artikel aus meiner Feder aus
der Zeitung "Nordsport"
Der schlechteste Bundesligist aller Zeiten ist bekanntlich Tasmania
Berlin. Acht Punkte holten die Berliner in der Saison 1965/66. Nach
einem guten Start erreichte Tasmanias Absturz am 30. Oktober 1965 mit
einem 0:6 daheim gegen Köln seinen ersten Höhepunkt.
Die Bundesligasaison 1965/66 ist ganze zehn Spieltage alt, da droht die
erste Mannschaft bereits den Anschluss zu verlieren: Tasmania Berlin,
mit einem 2:0-Sieg über den Karlsruher SC so hoffnungsvoll in
die Saison gestarteter Aufsteiger, ist nach 1:17-Punkten in Folge auf
den letzten Tabellenplatz abgerutscht.
Vor dem Heimauftritt gegen den 1. FC Köln ist Tasmania-Trainer
Franz Linken, einst gefürchteter Angreifer der KSV Holstein
– dennoch optimistisch. Unter der Woche hatte sein Team im
Duisburger Wedaustadion bei der 0:3-Niederlage gegen die Zebras aus
Meiderich eine gute Partie abgeliefert. „Selbst sehr ernst zu
nehmende Kollegen meinten, der Berliner Bundesligavertreter habe gegen
Meiderich sein bisher bestes Spiel gezeigt, er habe den
Bundesliga-Rhythmus gefunden“, bestätigte das
Fachblatt „Sport-Magazin“.
20.000 Fans strömten am 30. Oktober 1965 ins Berliner
Olympiastadion, um sich von der Formsteigerung des lokalen
Verlegenheitsbundesligisten zu überzeugen. Noch immer haderte
Berlin mit dem Schicksal von Zwangsabsteiger Hertha BSC, der im Sommer
1965 aufgrund von Schwarzen Kassen vom DFB aus der Bundesliga geworfen
worden war. Nach einem wochenlangen Tohuwabohu war die Bundesliga
schließlich von 16 auf 18 Teilnehmer erweitert worden,
woraufhin neben den sportlichen Absteigern Karlsruhe und Schalke auch
Berlin im Oberhaus hatte bleiben dürfen. Statt der
zwangsabsteigenden Hertha war es mit Tasmania 1900 allerdings der nach
Tennis Borussia und dem Spandauer SV Drittplatzierte der abgelaufenen
Berliner Zweitligasaison, der fortan erstklassig war. Eine umstrittene
Entscheidung, die den Klub aus Berlin-Neukölln völlig
überraschend traf. Eilig musste der neue Bundesligist seine
Spieler aus dem Urlaub zurückholen und versuchen, sich mit
Oldies wie Italienheimkehrer Horst Szymaniak auf Bundesligareife zu
trimmen.
Dass Tasmania Erstligaausflug schon bald wieder beendet sein
würde, wurde erstmals am 30. Oktober 1965 im Heimspiel gegen
den 1. FC Köln deutlich. In der ersten Halbzeit konnten die
Blau-Weißen mit dem Deutschen Meister von 1964 noch
mithalten. Zwar war Köln durch Thielen schon nach drei Minuten
mit 1:0 in Führung gegangen, die Berliner hatten sich jedoch
ein optisches Übergewicht erspielen und Kölns Abwehr
mächtig unter Druck setzen können.
Geißbock-Trainer Georg „Schorsch“
Knöpfle war darüber reichlich erzürnt und
stauchte seine Defensive in der Halbzeitpause entsprechend zusammen.
Als Schiedsrichter Gusenberger aus Saarbrücken zur zweiten
Halbzeit bat, brach das Unheil über die Berliner hinein. Die
zusammengestauchten Kölner zeigten sich nun deutlich
engagierter, während bei Tasmania erste
Konditionsmängel auftraten. „Genau eine Stunde
brauchte Köln, um endlich die erwartete Überlegenheit
hervorzukehren. Dann gab es fast nur noch das Stürmen auf ein
Tor. Auf breiter Front spielte Köln auf, das 2:0 durch
Löhr verschuldete Tasmanias Torwart ganz alleine“,
schrieb das „Sport-Magazin“ über den
Wendepunkt des Spiels.
Anschließend brachen die Berliner förmlich
auseinander. Tasmanias Konditionsprobleme wurde nun offensichtlich, und
die Kölner Geißböcke konnten schalten und
walten, wie sie wollten. Die Tore fielen wie reife Früchte.
0:3 und 0:4 durch Neumann in der 69. bzw. 72. Minute, 0:5 durch
Wolfgang Overath nach 76 Minuten und schließlich 0:6 durch
„Hennes“ Löhr in der Schlussminute. Zu
diesem Zeitpunkt hatten die meisten der 20.000 Zuschauer das
Olympiastadion längst verlassen. Schlimmer noch –
Berlin hatte seinen Glauben an Tasmania verloren.
Dabei schrieb man doch erst den elften von 34 Spieltagen!
„Wir müssen uns langsam daran gewöhnen,
dass wir ein echtes Torwartproblem haben. Wenn gegen uns zwei Tore
gefallen sind, kommt bei uns noch eine regelrechte Hilflosigkeit
hinzu“, haderte Tasmania-Coach Linken auf der
Pressekonferenz, während Ex-Nationalspieler Szymaniak
stöhnte: „Wir bekommen Tore, wie sie normalerweise
nur Kreisligamannschaften einstecken müssen. Solange solche
Tore fallen, ist für uns so oder so einfach nichts
drin“.
Der Rest ist bekannt. „Tasmania, der ewige Letzte“
– so wird es wohl auch in 50 Jahren noch heißen,
wenn es um die Ewige Tabelle der Fußball-Bundesliga geht.
Acht Punkte aus 34 Spielen sammelten die Neuköllner im
gesamten Saisonverlauf und halten bis heute sämtliche
Negativrekorde der Liga: die wenigsten Tore, die meisten Gegentore, die
wenigsten Punkte, die wenigsten Siege, die meisten Niederlagen, die
meisten Heimniederlagen, die längste Serie ohne Sieg, die
längste Niederlagenserie, die höchste Heimniederlage,
das Spiel mit den wenigsten Zuschauern.
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Entführungen von Fußballern
Aus: 11 Freunde
Entführungen von Fußballer-Müttern sind in
Brasilien gerade der große Hit. Die in Europa gut
verdienenden Sprösslinge zahlen bereitwillig
Lösegelder und inzwischen gibt es sogar Kidnapperbanden, die
auf „Fußball-Mütter“
spezialisiert sind. Ansonsten waren derlei Vorfälle im
Fußball-Umfeld vornehmlich Thema von Kulturschaffenden. Uwe
Ochsenknechts genialer Auftritt als verzweifelter Kidnapper eines
Schalke-Stars in „Fußball ist unser
Leben“ dürfte allgemein bekannt sein und in dem Wust
an Büchern zur WM 2006 befindet sich ein Krimi, der sich mit
der Entführung der deutschen Nationalmannschaft
beschäftigt.
Einigen Vertreter der tretenden Künste aber ereilte das
Schicksal einer wirklichen Entführung. So Barcelonas
Torjäger Quini, der sich im Frühjahr 1981
für 24 Tagen in den Händen von Entführern
befand, ehe er von der Polizei befreit wurde. 18 Jahre zuvor hatte es
einen ganz Berühmten erwischt: Alfrédo di Stefano.
Der „blonde Pfeil“ geriet am 26. August 1963 bei
einem Besuch in Venezuela in die Hände von Rebellen, die damit
die weltweite Aufmerksamkeit auf ihr Land lenken wollten. Die von
Maximo Canales angeführte Guerillaguppe FALN war in
Polizeiuniformen geschlüpft und hatte an Zimmernummer 219 im
Hotel Potoma in Caracas angeklopft, um den Fußballstar
aufzufordern, mit ins Präsidium zu kommen, wo er als Zeuge
benötigt werden würde. „Als wir das Hotel
verließen und in einen schwarzen Wagen stiegen,
spürte ich, dass etwas nicht stimmt. Es gab keine offiziellen
Zeichen an dem Wagen“, erinnerte sich der in Argentinien
geborene Di Stefano später. „Nach einer Weile drehte
sich einer der vier Männer zu mir um und teilte mir mit, sie
seien Revolutionäre. Sie hätten Waffen, doch wenn ich
keinen Widerstand leisten würde, würde mir nichts
geschehen. Er entschuldigte sich für die Entführung
und wollte mit mir über Politik diskutieren. Ich sagte ihm,
dass ich an Politik nicht interessiert sei, sondern nur an Sport. Als
nächstes wurde mir eine Augenbinde angelegt, und ich begann
allmählich nervös zu werden.“
Während sämtliche Polizeikräfte Venezuelas
für die Suche nach dem verschwundenen Star eingesetzt wurden,
begann Di Stefanos unbestimmtes Martyrium. „Ich fragte mich,
was wohl passieren würde, wenn die Polizei das Versteck finden
würde. Meine Kidnapper waren jung und couragiert. Sie waren
bewaffnet. Sie würden sich verteidigen – und ich
würde mich möglicherweise mitten im Feuer
wiederfinden“. Eigentlich hatte der Real-Star jedoch gar
keinen Grund zur Furcht. „Wir unterhielten uns lange und
spielten Domino miteinander. Ich spielte mit dem besten Spieler unter
ihnen und gemeinsam gewannen wir alle Spiele“, erinnerte er
sich später lächelnd und merkte an, dass die
Kidnapper sehr um sein körperliches Wohl besorgt waren.
„Sie legten Wert darauf, dass ich ordentlich aß und
schlief. ‚Was wird Real-Manager Muñoz sagen, wenn
Du nicht schläft?’, sagte mir einer der
Entführer immer wieder“.
Nach 24 Stunden endete der Alptraum. Die Rebellen hatten ihr Ziel
erreicht und entließen den Real-Star nach weltweiten
Presseberichten zurück in die Freiheit. Als er die spanische
Botschaft betrat, wurde Di Stefano dort ungläubig empfangen.
„Ich werde das niemals vergessen. Botschafter Senator Vega
Guerra umarmte mich wie einen lange vermissen Bruder. Seinen
Entführern war der „blonde Pfeil“ nicht
sonderlich böse. „Das waren Altruisten, die hatten
Ideale. Zuhause hängt ein Bild, abgezeichnet von einem der
Entführer. Er schickte es mir, um mich für die Leiden
zu entschädigen“.
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