Ist doch ein geiler Verein
Reisen in die Fußballprovinz
Christoph Ruf wird es selbst kaum fassen können: Da schreibt
er ein Buch über die vergessenen Fußballklubs dieser
Republik - und heimst dafür höchstes Lob und sogar
den mit 5.000 Euro dotierten Preis für das
"Fußballbuch des Jahres" ein!
Schön, dass es so etwas in dieser heutigen
Poldi-Schweini-Glitzer-Fußballwelt noch gibt!
Und der Preis ist mehr als verdient. In 27 Kapiteln - und damit
Fallbeispielen - schildert Ruf das bisweilen bittere Dasein
abgestürzter Traditionsvereine wie KFC Uerdingen, SpVgg
Bayreuth, Hallescher FC oder Tennis Borussia Berlin.
Ruf ist ein
aufmerksamer Beobachter, dem auch Details nicht entgehen. Seine
Einstiegsgeschichte über die SpVgg Bayreuth und deren Fans,
die ein eigenes Vereinsmuseum betreiben, ist zum Weinen schön,
und dass Ruf in regelmäßigen Abständen ein
"sofern er nicht aus Hof ist" einstreut, zeigt, dass er die
Befindlichkeiten in der Region verstanden hat.
Ruf hat emsig Insiderkenntnisse erworben und äußert
sich kompetent über jedes einzelne Klubschicksal. Er hat die
Vereine aufgesucht und zumeist spannende Gesprächspartner
gefunden. Entstanden sind keine drögen Abarbeitungen der
Historie, sondern Momentaufnahmen aus der laufenden Vereinsgeschichte,
die herrliche Einblicke in den schwierigen Alltag des bezahlten
Amateurfußballs gibt.
Allein das Kapitel über die
Stuttgarter Kickers verrät so viel - das schwierige Dasein im
Schatten des großen Rivalen, der zunehmende Bedeutungsverlust
bei der Jugend, die aufopferungsvolle Arbeit der Ehrenamtlichen und
dann natürlich der vereinsinterne Klamauk. Dass es
ausgerechnet ein VfB-Fan war, der beim Pokalspiel gegen Hertha mit
einem Bierbecherwurf für den Abbruch sorgte und den Kickers
einen schweren Rückschlag versetzte, erfuhr ich erst bei Ruf.
Das Buch lebt aber nicht nur von seinen sehr lesenswerten Geschichten
und liebevoll gezeichneten Porträts bisweilen angegrauter und
dennoch treuer Fans, sondern auch von seiner Tiefe und Analyse. Da ist
ein schlaues Interview mit Hans Meyer über die
Befindlichkeiten in Ost und West, da ist ein mutiges Gespräch
mit dem Vorsitzenden der NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag
und da ist Fall von Peter Wingen, der mit großem Einsatz um
den Oberliga Westfalen kümmert.
Ein lesenswertes, und ein überfälliges Buch. Ruf hat
ein Manifest gegen das Aussterben des hochklassigen
Amateurfußballs vorgelegt, und auch wenn er den schleichenden
Tod der beschriebenen Vereine mit "Ist doch ein geiler Verein" nicht
wird aufhalten können, so hat er ihr Schicksal erfolgreich in
die Öffentlichkeit gerückt.
Fazit: Kaufen, Lesen, Weiterempfehlen.
Ist doch ein geiler Verein
Reisen in die Fußballprovinz
Verlag Die Werkstatt
ISBN: 978-3-89533-596-9
240 Seiten, A5, Paperback
16,90 Euro
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Schlussball
Helmut Böttiger
Ein wahres Kleinod warf 2006 mit Helmut Böttiger einer der
wesentlichen Feuilletonisten auf den ausufernden
Fußballbuch-Markt.
„Schlussspiel“
heißt sein kleines Pamphlet, das voller Liebe für
die Sache steckt und selbst in Tagen, in denen ein jeder sich
über Fußball zu äußern
bemüßigt fühlt, sowohl unterhaltsam ist als
auch neues liefert.
Dass Böttiger von Erfahrungen zehrt, als
Intellektueller stets seine Fußball-Leidenschaft verstecken
bzw. erläutern zu müssen, wird schon im ersten
Kapitel deutlich, in dem das ehemalige FC-Creglingen-Ausnahmetalent von
seiner Kriegsdienstverweigerung berichtet. Nie zuvor habe ich so
genussvoll die Lebensdramatik eines 18-jährigen mit
Muffensausen vor dem Bund und seinem Fußball-Alltag verbunden
gesehen!
Im weiteren schafft der Autor tiefe Einblicke in die
Fußballseele von Schriftstellerkollegen, und es tut einfach
gut, Böttigers klare, offensive und leidenschaftliche
Fürsprache zu goutieren.
Auch analytisch bietet das schmale Büchlein
überraschendes. Etwa, wenn Böttiger sich mit den
Befindlichkeiten der Nationalmannschaft beschäftigt, das
„Wunder Freiburg“ schlau Revue passieren
lässt oder seiner Bewunderung für Günther
Koch Ausdruck verleiht.
Fazit: Ein wunderschönes Buch und ein
wunderschönes Geschenk an alle Fußballfans, die dem
„alten“ Fußball nachtrauern und dem
„neuen“ misstrauen.
Schlussball
Helmut Böttiger
Suhrkamp Verlag
ISBN: 3-518-45763-2
192 Seiten, Paperback
7,50 Euro
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