Zonenfussball
Von Wismut Aue bis Rotes Banner Trinwillershagen
Frank Willmann (Hrsg.)
Im Verlag "Neues Leben" erschien kürzlich ein Titel, der etwas
zweideutig ausfiel: "Zonenfußball. Von Wismut Aue bis Rotes
Banner Trinwillershagen".
Ein Titel, der nach ganz viel DDR-Notalgie in Form von
Vereinsporträts klingt. Und in Frank Willmanns kleinem Sammelband
finden sich in der Tat auch viele schöne Geschichten aus alten
DDR-Fußballtagen. Wer jedoch angesichts des Untertitels eine
Aufsatzsammlung zur Geschichte diverser DDR-Klubs erwartet, wird
enttäuscht sein.
Statt dessen erwarten den Leser 34 teilweise sehr persönlich
gefärbte Geschichten über das Fandasein nicht nur zu
DDR-Zeiten. Wo die Reise emotional hingeht, macht Herausgeber Frank
Willmann bereits in seinem Vorwort deutlich, in dem er die heutige
Fußballpresse als "akritische
Fußballmedienmeute" bezeichnet und den Wandel des
Fußballs
zum "fetten Event" betrauert.
Mit seiner Biografie als Fanforscher und Punkrockforscher bringt Willmann
alsdann eine ungewöhnliche Sichtweise ein und hat sich zudem Fachleute wie
Veit Pätzung, Christoph Ruf oder Péter Zilahy ins
Boot geholt, um über den "Fußball im Osten - einst und heute" (Klappentext) zu philosophieren.
Fußball in der Ex-DDR, in der
ehemaligen "Zone",
das hat häufig etwas wehmütiges. Und Wehmut klingt
dann auch in
den meisten der 34 Geschichten durch. Jochen Schmidt berichtet von
seinem ersten Stadionprogramm, dass er 1979 beim Oberligaspiel zwischen
dem BFC Dynamo und Stahl Riesa erhielt. Andreas Gläser erinnert an
eine Begegnung in den 1970er Jahren, als er durch Zufall bei der BSG
Obertrikotagen Apolda landete und die bei ihrem Heimspiel auf die BSG
UT Erfurt traf - wobei UT zur Verwirrung des Autors nicht für
"Untertrikotagen" sondern für "Umformtechnik" stand.
DDR-Fußballalltag in Reinkultur.
Die Geschichten sind ausnahmslos lesenswert und genügen
häufig höheren literarischen Ansprüchen. Sie lassen
wehmütige Erinnerungen aufkommen, als Fußball noch ein Sport
der Massen und nicht eines des Events war. Und sie lassen deutlich
werden, wie wichtig das Dasein als Fußballfan auch in der DDR
für die Sozialisation vieler Jugendlicher war.
Aus den schönen Storysammlung ragen einige Perlen der
Schreibkunst
heraus. Da ist beispielsweise der Gastbeitrag von Wladimit Sergijenko,
der
über die unterschiedlichen Ausprägungen des
Nationalismus in
der Ukraine in den letzten Tagen der UdSSR bzw. in den Hochtagen der
Orangenen Revolution berichtet. Anne Hahn erinnert in schönen
Szenen an die Rückkehr der männlichen Mitglieder ihrer
Familie von einem Magdeburg-Spiel, und Dominik Bartels zeigt in
frappierender Offenheit auf, warum ein unbekannter Zweitligakicker
(sein Vater nämlich) mehr Wert war, als Cristiano Ronaldo. Das ist groß!
Kein Buch für akribische Statistiker oder ernsthafte Historiker,
sondern ein Werk für literaturverliebte Fußballfans. Auch wenn der Titel das auf den ersten Blick nicht verrät.
Zonenfußball
Von Wismut Aue bis Rotes Banner Trinwillershagen
Frank Willmann (Hrsg.)
Verlag Neues Leben
224 Seiten
ISBN: 978-3-355-01792-3
16,95 Euro
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Booted and Suited
Chris Brown
Hooliganliteratur, in der sich gealterte Schlägertypen an
ihren früheren „Taten“
beweihräuchern, ist nicht so mein Ding.
Ich habe halt nie zur
„schlagenden Fraktion“ gehört und konnte
auch nie die „Faszination“ greifen, die von
Massenschlägereien ausgehen soll.
Chris Browns Buch „Booted and Suited” ist mir auch
nur in die Finger gefallen, weil der Autor ein
„Gashead“ ist – also Fan
„meiner“ Bristol Rovers.
In Browns Buch geht es um Gewalt. Um viel Gewalt, und häufig
sind die Bilder, die der Autor aufzeigt, erschütternd und
abstoßend. Aber Browns Buch behandelt weit mehr als nur das
Thema Fußballgewalt. „The real story of the 1970s
– it ain’t no boogie wonderland“
heißt es im Untertitel des Buches. Der 1956 geborene Brown
ist ein Zeitzeuge der 1970er, die in England eine Dekade der
permanenten Veränderung war. Somit geht es in seiner
Erzählung auch nicht nur um Fußball, sondern ganz
viel um Musik und Subkulturen.
Brown gehört zu der Generation, die zwischen den Mods und den
Punks groß wurde und in einem sich dramatisch
verändernden Großbritannien auf der Suche nach der
eigenen Identität war. Dabei geht es nahezu ständig
um die Auslotung der eigenen Grenzen. „Aggro“
spielt eine zentrale Rolle in der Sozialisation des im rauen Norden der
Hafen- und Industriestadt Bristol aufgewachsenen Brown. Aus
Fußballsicht gehört Brown zu der Generation VOR den
gefürchteten „Firms“ wie West Hams ICF und
Chelseas Headhunters. Seine Geschichte ist exemplarisch für
die britische Alltagsgeschichte von den Mods bis zur National Front,
vom stockkonservativen Nachkriegsengland bis zur „eisernen
Lady“ Maggie Thatcher.
Für sein Buch hat er sich nicht nur auf eigene Erinnerungen
verlassen, sondern stieg auch in die Archive ab. So rekonstruierte er
die Frühgeschichte der Mods und Rocker im Bristol der 1960er
Jahre und schuf damit die Grundlage für seine eigene
Geschichte, die im Sommer 1969 einsetzt, als Brown zum Mod wurde und
anschließend zu den ersten in Bristol zählte, die
sich „Skinheads“ nannten. Damals war ein
„Skin“ im Übrigen alles andere als ein
Fascho. „West Indies were working-class people like
us“, schreibt er, und kämpfte Seite an Seite mit
gebürtigen Jamaikanern in Fußballstadien und
Konzertsälen.
Browns Alltag bestand aus Musik, Gewalt und Exzessen. Die Konflikte
waren vielfältig. Mods bzw. Skins gegen Rocker, alle gegen die
Polizei und im Fußball gegen den verhassten Lokalrivalen
Bristol City, gegen die Gegner aus Wales
(„sheep-shagger“) und gegen alle anderen.
Was das
Buch an dieser Stelle besonders macht, ist die Rolle, die die Bristol
Rovers seinerzeit spielten. Ein
verhältnismäßig kleiner Klub, der zu Browns
aktiven Zeiten von der dritten in die zweite Liga aufsteigt, der aber
in seiner Bedeutung nicht annähernd an
Größen wie Leeds United, Chelsea oder West Ham
heranreichte. Und doch: „The Tote End. It might not have been
the Kop or the Shed, but it did for me during the 70s”,
schreibt er über die Rovers-Kurve “Tote
End” im Eastville-Stadium. Inzwischen vollends zum Skinhead
geworden, prügelte er sich binnen kurzem an die Spitze der
Rovers-Fans, die seinerzeit landesweit zu den gefürchtetsten
Fangruppen im britischen Profifußball gehörten.
Nicht allzu viele Köpfe, aber die, die da sind, sind zu allem
bereit.
Browns Berichte von den Schlachtfeldern sind keine überzogenen
Heldenstorys sondern geprägt von kritischer Selbstreflexion,
nüchterner Erzählung und dem einen oder anderem
Bedauern. Mitunter sind sie sogar lustig – wie die Geschichte
in Swansea, als sich die Rovers-Fans mit den Heimsupportern erst eine
wüste Schlacht lieferten und beide Seiten
anschließend im Krankenhaus gemeinsam Lieder sangen. Auch die
Geschichten von Skinheads, die sich im Fußballstadion
plötzlich als „Gegner“
gegenüberstehen und nicht wissen, was sie nun machen sollen,
haben bei aller Brutalität etwas amüsantes.
Wesentlicher spannender indes ist es, Browns persönliches
Entwicklungsprozess zu verfolgen. Er wird vom Mod zum Skin, vom Skin
zum Soul-Anhänger, lässt sich von Alice Cooper, Slade
und Clockwork Orange beeinflussen, bleibt der schwarzen Musik
über
Funk und Disco treu und wird schließlich zum Punker. Damit
endet seine Geschichte allmählich, denn längst kein
Teen mehr fühlt sich Brown allmählich
„alt“ und nimmt Abschied von den Jugendkulturen.
Seine letzte Station ist spektakulär. Aus der Punkbewegung,
die Brown zu recht als die „last generation of great British
rebels“ bezeichnet, lässt er sich von der
faschistischen National Front rekrutieren und wird zum
prügelnden Faschisten. Überzeugung ist allerdings nur
bedingt dabei.
Brown ist stolzer Brite – das war er schon als
Mod, als Skin, als Punk und immer als Fußballfan. Doch Brown
liebt auch schwarze Musik wie Ska, Reggae, Soul und Funk. Er ist kein
Rassist, und so glühend er das „England
rules“ verteidigt, so unmöglich ist es ihm, Schwarze
nur aufgrund ihrer Hautfarbe zu hassen. Bei einem NF-Treffen in London
wendet er sich ab, und damit endet seine Geschichte.
„It ain’t no boogie wonderland“
– wahrhaftig. Lesen!
Chris Brown
„Booted and Suited“
John Blake Publisihing
ISBN: 978-1-84454-746-3
£7,99 (zu beziehen u.a. über Amazon, dort 9,99 Euro)
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